Wenn’s einmal läuft…

Tja, was soll ich zu meiner Verteidigung sagen? Mit Erschrecken musste ich feststellen, dass sich so ein Blog nicht von selbst schreibt.😉

Nein, Tatsache ist: Meine nicht enden wollenden Tagschichten, die mir mein Chef netterweise aufs Auge gedrückt hat, geben nicht wirklich viel Blogbares her.

Man sollte es nicht für möglich halten, aber selbst in einer Weltstadt wie Stuttgart fährt man doch nahezu jede Woche dieselben Leute – zum Arzt um die Ecke, zum Supermarkt um die Ecke, ins Restaurant um die Ecke. Ihr versteht. „Leider“ möchte ich sagen, aber ich verkneife es mir, denn auch viele Kurzstrecken läppern sich und gerade gegenüber jenen wertvollen, das Taxigeschäft am Leben erhaltenden Kunden dürfe die Freundlichkeit nicht abhanden kommen, mahnt der Vorstandsvorsitzende der Taxi-Auto-Zentrale (TAZ) des Öfteren im Stuttgarter Taximagazin. Damit man sich das auch wirklich selbst abkauft, muss man es sich schon gelegentlich laut vorsagen, insbesondere wenn ich da an Umsätze von 40 € pro 12-Stunden-Schicht denke.

Doch letztes Wochenende war dann alles anders! Okay, fast. Der Samstag lief jedoch wirklich rundum phänomenal. Da hab ich mich zu Beginn meiner Schicht noch ein Bisschen selbst bemitleidet ob dieser Willkür, der man ausgeliefert ist (Fallbeispiel: Man (= ich) steht eineinhalb Stunden als einziges Taxi weit und breit am Taxiplatz und wartet auf die Vorbestellung zum Flughafen. Unmittelbar bevor der Auftrag dann an den Ersten am Platz (= mich) rausgeht, steigt jemand (= der Teufel) mit verlegenem Lächeln und den Worten „Ist jetzt leider nur ’ne Kurzstrecke“, ein und der Hintermann, der sich vor dreißig Sekunden als Zweiter am Platz eingeloggt hat, bekommt die Fahrt. Argh! Wie oft mag mir das schon passiert sein? Fünfzig Mal? Hundert Mal?), aber an diesem Tag war das Schicksal definitiv auf meiner Seite.

Von 7 bis 19 Uhr stand ich keine Viertelstunde unbesetzt in der Gegend rum. Und das passiert sonst nie. Schon gar nicht in der Tagschicht. Die Fahrten und Fahrgäste selbst waren jedoch wenig spektakulär: Mal zum Flughafen, mal in die Stadt. Schöne Ü20-Fahrten und wenn man ständig unterwegs ist, kommt da schnell ein nettes Sümmchen zusammen. Gegen 16.20 Uhr stand ich versuchsweise am SI-Centrum, die Uhrzeit war allerdings etwas ungünstig. Man muss halt Glück haben – und ich hatte! Ein Auftrag aus dem Nachbarsektor Plieningen, wo wohl gerade kein Taxi unterwegs war. Darf man eigentlich wegen der verhältnismäßig weiten Anfahrt wegdrücken, aber man hat’s ja nötig. :D 

Unterwegs dann eine kleine Herausforderung: Straße unbekannt, sowohl mir (was schon mal vorkommt) als auch dem Navi (das war neu). Zentrale angefunkt, die wussten auch von nichts. Papa (Taxiunternehmer im Ruhestand und personifizierter Stuttgarter Straßenatlas) angerufen: „Die Straße gibt es nicht“. Na toll. Ich, als Optimist mit Erfahrung, hab direkt eine Feierabendverschwörung gewittert, bin aber auf gut Glück doch mal durchs Neubaugebiet gefahren und siehe da, die Straße gab’s. Wohl erst seit gestern, aber machte ja nichts.

Fahrgast stieg ein und fragte: „Fahren Sie mich nach Poppenweiler?“ Volltreffer! Und was ich an dieser Stelle mal anmerken muss: Es ist sowas von niedlich, wie bei weiten Strecken fast immer erst mal vorsichtig nachgefragt wird. Scheiß auf die goldenen Kurzstrecken, je weiter, desto besser, Baby! Poppenweiler bei Ludwigsburg wäre jedenfalls eine nette 45-€-Tour gewesen, wäre da nicht Stuttgart 21, oder vielmehr dessen Gegner. Ich hab beim Losfahren dezent darauf hingewiesen, dass wir uns angesichts der Innenstadt-Demo besser pauschal einigen und ich kurz über die Autobahn fahre, aber mein werter Fahrgast wollte uuunbedingt durch die Stadt. „Egal wie viel kostet“. Aha, macht natürlich Sinn. Also haben wir uns ins Getümmel gestürzt und standen direkt mal zehn Minuten in der Neuen Weinsteige auf ein und demselben Quadratmeter bis ich ihn dann überreden konnte, wenigstens die Abkürzung über die Alte Weinsteige zu nehmen. In der Stadt rund um den Cityring herrschte jedenfalls Anarchie und wir standen und standen und standen… Beim Nichtstun Geld zu verdienen wäre eigentlich fast schon wieder lustig gewesen, hätte mein Sitznachbar nicht ständig erfolglos versucht, mich zu einem Abendessen einzuladen, nachdem wir ja nun schon so viele wertvolle Minuten miteinander geteilt hatten.

Eineinhalb Stunden und viele Euros später haben wir uns vom Stuttgarter Süden über sämtliche Nebenstraßen, die mein Taxifahrerhirn so ausspuckte, in den Norden gequält und um halb sieben in Poppenweiler angekommen gab es zum Abschied trotz 70 € Fahrtpreis einen feuchten Handkuss, ein Eis von der Tankstelle und seine Visitenkarte. Sollte jemand mal Hilfe eines Bauschreiners zum Thema „Montasche“ oder „Tapetten“ benötigen, ich wüsste da jemanden.😉

Tagesumsatz: Satte 270 €! Yay! Der Sonntag konnte im Hinblick auf ausgleichende Gerechtigkeit ja nur richtig mies werden…

Zwei Stunden vor Feierabend stand ich nach einem durchwachsenen, aber insgesamt neutralen bis positiven Sonntag wieder mal am SI. Auftrag mit Kreditkarte, Abholung Millennium Hotel. „Bitte über Rundel anfahren“. Gemeint war das Rondell, da muss man auch erst mal drauf kommen, hihi.

Drei Amerikaner vom History Channel mitsamt Fotoausrüstung wollten zum Porschemuseum nach Zuffenhausen. Ob ich dort auch warten und sie wieder zurückbringen könne. Da wollte ich mich gerade zu meiner guten Tat des Tages hinreißen lassen, als direkt kam: „We’ll pay you, of course!“ Musik in meinen Ohren.

Beim Porschemuseum stand ich eine halbe Stunde rum, dann ging’s weiter zum Schlossplatz, wo sie noch „something typical“ fotografieren wollten. Hab mal das Schloss vorgeschlagen, wird ja immer gerne genommen. Sehr begeistert waren sie vom Wappen, das Porsche dem Schloss oder das Schloss Porsche geklaut hat. Jedenfalls war da irgendwas identisch und sie haben wie wild über eine Stunde geknipst. Danach ging es wieder zum Hotel zurück und es standen sagenhafte 101,30 € auf der Uhr. Meine teuerste Fahrt in vier Jahren!

„Give her a good tip“, meinten die beiden vom Rücksitz beim Aussteigen und mein Beifahrer wollte mir 30 € Trinkgeld andrehen. Ich hab ihn dann auf 20 € runtergehandelt. Hey, ich hab schließlich nichts gemacht außer rumzustehen und €-Zeichen in den Augen zu haben. Rückblickend hätte ich wohl aber auch die 30 € genommen, Fernsehen zahlt ja, und nachdem ich seit Jahren GEZ-Gebühren abdrücke, schließt sich doch so der Kreis, oder? Dämlicher Reflex: „That’s way too much!“ Passiert mir immer bei zahlungswilligen Ausländern, hmpf.

Alles in allem jedenfalls richtig, richtig nette Typen und ein geniales Wochenende. Einziger Negativgedanke: Mit 500 € Gesamtumsatz in der Tagschicht lässt mich mein Chef bestimmt nie wieder nachts fahren…

6 Antworten zu Wenn’s einmal läuft…

  1. Moritz sagt:

    Bei Amerikanern darf man ein großzügiges Trinkgeld ruhig annehmen. Die 30€ zeigen da besonders das sie sehr zufrieden mit dir waren. Sollte man ruhig annehmen und sich freuen😉

  2. Taxi 123 sagt:

    Tja, Du hättest auch bei einem leckeren Abendbrot eher Schluß machen können und würdes vielleicht doch ab und zu mal noch eine Nachtschicht abbekommen. Was reizt Dich eigentlich an der Nachtschicht?

  3. dr-dr. sagt:

    Eine Rechtsanwältin hat bereits in einer Stunde 250 Euro Umsatz.
    (Du hast den falschen Beruf.)

  4. woodstock sagt:

    „…in einer Weltstadt wie Stuttgart…“

    ??????

    Geiler Witz.

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