Des einen Freud‘, des anderen Leid

Als Taxifahrer ist man nicht nur Taxifahrer, sondern neben seiner Standardfunktion als stets charmanter Gesprächspartner😉 oft auch Stadtführer, Meterologe, Auskunft für sämtliche Fragen des täglichen Lebens, die nicht selten nicht auch nur ansatzweise das Taxigewerbe betreffen, seelischer Mülleimer und manchmal eben auch Paartherapeut.

Die meisten „Beziehungsdramen“, die sich bisher in meinem Taxi abgespielt haben, waren jedoch wohl größtenteils dem Alkohol geschuldet, noch dazu wenig spektakulär, und wenn doch, hält man als Unbeteiligter einfach die Klappe und genießt die Show.😀

Was meine drei Protagonisten vom Samstag zu ihrer bühnenreifen Leistung bewogen hat, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Interessant war es aber allemal und in diesem Fall meine ich mit „interessant“ hauptsächlich: „Wehe, ihr steigt mir noch mal ins Taxi!“

Harmlos angefangen hat es in der Eberhardstraße, als ich nichts Böses ahnend an der Ampel stand und ein junger Mann zustieg. Fahrgast vom Typ ’nüchtern und zahlungsfähig‘, Kurzfahrt – nichts Besonderes also. Unterwegs erzählte er mir, er wolle seine Freundin bei seiner Ex („explosive Konstellation“ hab ich mir an dieser Stelle wohlweislich verkniffen) abholen und dann zu sich nach Hause fahren.

Nachdem seine Liebste auf mehrfache Anruf-und-aus-dem-Haus-Lockversuche seinerseits jedoch nicht reagiert hat, sollte ich kurz warten, er würde klingeln und sie holen. Ich müsste mich aber bitte für eine schnelle Weiterfahrt bereithalten, da seine Ex nicht so gut auf ihn zu sprechen sei. Oh, oh!

Okay, eigentlich hab ich mir noch immer nichts dabei gedacht. Wir sind ja alle zivilisierte, erwachsene Menschen – sollte man meinen, aber weit gefehlt: Er kam nach dreißig Sekunden zurück auf die Straße gerannt, hinter ihm eine wildgewordene, keifende, kreischende, beißende, kratzende Furie, nach dieser die zweite. Welche davon nun genau seine Ex war, wurde erst deutlich, als Nummer 1 auf ihn und Nummer 2 auf sie eingedroschen hat. Und das alles neben meinem Taxi mit – blöderweise – geöffneter Tür, deren Türgriff der „arme Kerl“ (ich spekuliere noch, ob er es wohl verdient haben mag) auch nicht loslassen wollte, sonst hätte ich auf die 6,50 € verzichtet und die Flucht ergriffen.

Tja, was macht man in so einer Situation? Ich saß noch etwas konsterniert, grübelnd und zugegebenermaßen auch fassunglos-amüsiert im Taxi, als mein Hintermann das Hupen anfing und nicht mehr aufhörte. Ob er damit die Streithähne irritieren, gar auseinander bringen, einen kollektiven Hörsturz auslösen oder lediglich seinen Unmut über das sich prügelnde Verkehrshindernis äußern wollte, hat sich mir nicht ganz erschlossen, aber als eine der beiden „Damen“ dann anfing, im Versuch, ihr Opfer zu treffen, gegen mein Taxi zu treten, sah ich mich auch mal entnervt genötigt, einzuschreiten. Dabei hab ich mich noch nie geprügelt, schon gar nicht 1 gegen 3 und genau genommen wollte ich heute auch nicht damit anfangen.

Glücklicherweise gelang es meinem Fahrgast in diesem Moment, sich loszureißen, auf den Rücksitz zu springen und zu rufen: „Fahr los!“ Herrlich, wie im Actionfilm. Sie hatte sich mit ihren Haaren allerdings irgendwo an ihm verfangen und ich wollte sie nur ungern mittels Kick-down ihrer Kopfhaut entledigen, also bin ich ganz un-actionfilm-like langsam losgerollt. War nach einigen Metern gemütlicher Beschleunigung dann aber doch recht effektiv und wir haben sie voll abgehängt, ha!😀

Für mich zartes Seelchen war das eigentlich schon Aufregung genug, ich wollte ihn zur Zahlung und zum Ausstieg auffordern, aber er hat mir versichert, dass seine Freundin nun auch von ihr weg wollte (erstaunlich, wie multitaskingfähig man doch ist, wenn man sich gerade prügelt – dass ein derartiger Informationsaustausch stattgefunden hat, ist jedenfalls komplett an mir vorbeigegangen) und so haben wir eine große Runde gedreht, er hat seine Freundin via Handy aufgefordert, diesmal ohne Begleitung auf die Straße zu kommen und unverzüglich einzusteigen. Hat sie dann auch brav gemacht und ich fuhr in Richtung zweiter Adresse. Dort angekommen, ist sie ausgestiegen und wollte „kurz“ ihre Sachen holen, da sie zur Arbeit musste.

Nun, da wir alle wissen, dass Frauen es mit der allgemeinen Definition von „kurz“ für gewöhnlich nicht ganz so genau nehmen, wurde mein Fahrgast auch schon bald ungeduldig und meinte: „Ach, dreh‘ doch mal ’ne Runde.“ Aus einer Runde wurden gerade acht oder zehn, als sie auf seinem Handy anrief und meinte, sie hätte wohl ihr Portemonnaie bei seiner Ex vergessen. An dieser Stelle hab ich mich diskret nach einer versteckten Kamera umgesehen und stattdessen in sein Gesicht geblickt. Okay, es war kein Scherz. Zumindest nicht von ihm.

Als seine Freundin wieder mit uns im Taxi saß und er mich gerade in Richtung erster Adresse anweisen wollte, hab ich dann mal dezent darauf hingewiesen, dass es wohl nicht sonderlich klug wäre, sich schon wieder in die „danger zone“ zu begeben und falls er darauf bestehen würde, ich ab jetzt nicht mehr mitspiele. Seine Freundin hat ihn daraufhin kurzerhand aus dem Taxi geworfen und wir haben ohne größere Zwischenfälle ihr Portemonnaie zurückerobert. Und wenn ich „wir“ sage, meine ich „sie“, denn ich stand mit Zentralverriegelung und Fuß auf dem Gaspedal in optimaler Fluchtposition auf der Straße.

Nebenbei bemerkt: Die Uhr lief und lief, hehe.

Bevor sie dann zur Arbeit wollte, haben wir ihn, der zwischenzeitlich eine Verschwörung  der beiden Frauen witterte und erst durch gutes Zureden aus dem Haus gelockt werden konnte, wieder Zuhause aufgegabelt und sind in die Stadtmitte gefahren. Von dort aus wollte sie sich ursprünglich ein [feindliches Mietwagenunternehmen mit, ich zitiere einen früheren Fahrgast, „zwar Billigpreisen, aber man wartet schon mal eine Stunde, falls überhaupt jemand kommt“] nehmen und zur Arbeit nach [Nachbarstadt] fahren. Inzwischen waren wir bei 55 € angelangt und da ich mir nur ungern den entspannteren und auch deutlich lukrativeren Teil der Fahrt entgehen lassen wollte, hab ich im übertragenen Sinne argumentiert mit: „Jetzt ist es eh schon so teuer, was machen da noch 25 € mehr?!“ Sie hat es jedenfalls überzeugt, er musste zwei Fünfziger rausrücken und wurde zum Mittagessen geschickt.

In [Nachbarstadt] hab ich sie dann vor einem „Etablissement“ (zwinker, zwinker) abgesetzt und noch ein sattes Trinkgeld eingestrichen, zur Entschädigung. Hab ich zumindest so interpretiert – und ein Büschel ausgerissener Haare zwischen Rücksitz und Tür entfernt.

8 Antworten zu Des einen Freud‘, des anderen Leid

  1. Lucky Jack sagt:

    Glückwunsch zum eigenen Blog (ich sage auch Der Blog) und viel Spaß in der Bloggerwelt. Klasse Empfehlung vom Taxi-Blog Paderborn, dem ich schon einige Jahre treu bin.😉

    Dann hoffe ich und drücke Dir die Daumen auf viele unterhaltsame und lustige, weniger gruselige Blog-Geschichten.😉

  2. Sash sagt:

    Ja, und da die Taxibloggerszene so klein ist, liest der Exilschwabe aus der Heimat nun auch mit…
    Ich fand die ersten Artikel echt unterhaltsam geschrieben und freue mich auf mehr. Und natürlich heisst es DER Blog😉

  3. Marco sagt:

    Irgendwie erleben wir alle ähnliche Geschichten, aber es ist trotzdem interessant zu lesen.

    Grüsse aus dem Norden,
    Marco

  4. DerCheffe sagt:

    Juhu, ein Taxiblog gleich von Nebenan. Schon in meinem RSS Reader aufgenommen. Ich freue mich auf weitere lustige Begebenheiten.
    Ich hätte übrigens den Kick-Down gewählt😀

    Viele Grüße aus Heilbronn!

  5. mrxls sagt:

    yay noch ein taxiblog =) *in den reader schieb*
    ein Grund mehr mal wieder die Verwandtschaft in Stuttgart zu besuchen… schön mit der Bahn zum Hbf, ein wenig Demo gaffen und dann mit ner Taxe weiter😉

    Die Freundin mit der Ex befreundet, das wär mir definitiv zu stressig, scheint aber Spiel, Spaß und Spannung zu sorgen!

    viel Spaß mit dem Blog und gute Umsätze im Taxi!

  6. Bernie sagt:

    Fantastisch geschrieben!🙂

  7. Mexxwell sagt:

    Hallo erst einmaaaal und Grüße aus Paderborn.
    Als erstes muss ich erwähnen, das ich durch Torsten`s TaxiBlog auf diesen Blog aufmerksam geworden bin.
    In deiner Aufzählung, und wenn ich deisen Eintrag richtig gelesen habe, hast Du noch eine, leider oft sehr unangenehme, Aufgabe einen Taxifahrers vergessen.
    BODYGUARD
    Das kling jetzt zwar ein wenig übertrieben, aber in 15 Jahren auffer Taxe habe ich da schon so einiges erlebt.

    PS.:
    Torsten hat richtig Werbung für deinen Blog gemacht.

  8. tageswahn sagt:

    Tolle Geschichten. Ich habe gelacht und gestaunt. Danke dafür.

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