Resozialisierung geglückt

Nachdem mich die alljährliche Herbstgrippe niedergestreckt hat und ich hier trotz der täglichen ein schlechtes Gewissen machenden motivierenden 300 Seitenaufrufe optimistischer Lesewilliger über zwei Wochen durch Abwesenheit geglänzt habe, war ich am Wochenende nun endlich mal wieder nachts unterwegs und habe euch auch eine nette (und lange, ja ja, ich weiß) Geschichte mitgebracht:

Rückblende ins Jahr 2009. Wir schreiben Anfang August und mein Kollege, der eigentlich regelmäßig nachts fährt, wenn er nicht gerade frei haben will und ich einspringen kann, darf über den Sommer seinen Führerschein abgeben. Opportunistisch, wie ich eben bin, hab ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und mir direkt mal sämtliche frei gewordenen Nachtschichten unter den Nagel gerissen.

Eines Samstagnachts stehe ich also am Taxiplatz „Kronprinz“ am Rotebühlplatz. In der Nachtschicht war das über viele Jahre einer meiner Lieblingsplätze, zumindest damals, als er noch (Mist, ich hab kein räumliches Vorstellungsvermögen) geschätzte 50 (oder halt sehr viel mehr oder weniger … stellt euch eben ganz, ganz viele Taxis auf einem Haufen vor) Taxen im U fassen konnte und man, wenn’s gut lief, nach zehn Minuten schon an erster Stelle war.

Inzwischen wurde das U zum Zwecke einer weiteren – gänzlich überflüssigen, wie ich finde, aber mich fragt ja keiner – Bushaltestelle um eine Seitenlänge kastriert, sodass wir faktisch nur noch ein I an Stellfläche haben, was zur Folge hat, dass in den frühen Morgenstunden die Taxis gerne mal knapp werden, weil man sich nirgendwo anstellen kann! Danke, Stadt Stuttgart. Wenigstens ist euch nach einigen Tagen doch mal aufgefallen, dass Taxifahrer zwar generell verdammt viel auf dem Kasten haben, aber trotzdem auch nicht um die Ecke gucken können, und so wenigstens ein Straßenspiegel angebracht wurde, damit man auch aufrücken kann, ohne erst aussteigen und nachsehen zu müssen.

Falls sich der ein oder andere Stuttgarter wundert: Wir stehen also nicht aus Spaß an der Freude neuerdings kreuz und quer in der Kronprinzstraße rum, und die Beschwerden von Autofahrern, die wegen „uns“ nicht aus dem Parkhaus kommen, sehe ich in dem Zusammenhang auch eher als Kollateralschäden denn als böswilliges Frustablassen, aber … ich schweife ab.😉

Zurück zu jener Nacht, die schon fast vorbei war. Ich stand ungefähr an dritter Stelle, als gegen 4 Uhr drei Jungs ans Fenster klopften und mich fragten, ob ich Winnenden kenne. Große Kreisstadt in 20 km Entfernung. Sollte man als Taxifahrer kennen, ne? Folglich: Kannte ich. Ob ich auch Leutenbach kenne. Kleines Kaff daneben. Kannte ich. Ob ich Weiler zum Stein kenne. Boah, Kinners, kommt endlich zum Punkt! Noch kaffiger. Aber kannte ich ebenfalls! Ob wir pauschal 45 € machen könnten. Konnten wir – hätte mit Uhr vielleicht 1 € mehr gemacht, wenn überhaupt. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich, wenn ich von „Pauschalfahrten“ schreibe, die Uhr bis zum vereinbarten Preis laufen lasse und dann eben abstelle. Ist also nicht so, dass ich meinen Chef betrügen und das komplette Geld einstreichen würde.

Die drei sind eingestiegen und wenn ich was so gar nicht leiden kann, dann dieses primatenähnliche, ungestüme Verhalten: Einsteigen, Kopfstützen befummeln, Sitz vor- und zurück-, hoch- und runterstellen, Fenster aufmachen. Und das alles natürlich binnen der ersten fünf Sekunden! Aber der Alkohol entschuldigt schließlich so manches und solange mir um diese Uhrzeit niemand ins Taxi kotzt, bin ich ja grundsätzlich sowieso erst mal unendlich dankbar. Die Jungs waren jedenfalls gut angeheitert und haben sich, wie unter Freunden so üblich, die Fahrt über ausgiebig beschimpft („Du bist so ein Spasti! So ein Spasti! Hahaha. Was für ein Spasti Du bist, Du … Spasti!“).

Ich hab zwar diesem niveauvollen Gespräch als auch den kaum weniger intellektuellen folgenden nur mit einem Ohr zugehört, wie man halt so zuhört, wenn’s nicht anders geht, aber selbst das eine Ohr hat sich im weiteren Verlauf dann doch noch als ganz hilfreich erwiesen.

Nun, wir passieren gerade das Ortseingangsschild in Weiler, als er kam: Der Satz, den alle Taxifahrer fürchten. Okay, ich zumindest, das war mir einfach noch nie so ganz geheuer: „Wir haben aber kein Geld dabei und müssen deshalb erst kurz bei der Bank halten!“ Als wir gerade von der Hauptstraße Richtung Bank abbiegen, kommen wir noch an einem Fußgängerpärchen vorbei und mein gehässiger kleiner Beifahrerfreund: „Ach nee, guck mal, der [Nachname] mit seiner Ollen. Was laufen die denn da so behindert rum? Hahaha.“

An der Bank angekommen, meinte der eine zu seinen beiden Kumpels auf dem Rücksitz:

„Ach, kommt, ich zahle jetzt einfach alles und ihr gebt mir nachher das Geld, dann laufen wir von hier aus.“

 Er zu mir: „Wie viel bekommst Du noch mal?“

 Ich: „45 € haben wir gesagt.“

 Er: „Alles klar.“

Die Türen gehen auf – und weg waren sie.

Ich stehe am Hang in der falschen Richtung, Motor war aus zwecks geplantem Bankzwischenstopp, alle drei Türen sind offen. Ja, ich denke, man kann sagen, ich bin vor Hass implodiert.

Von den Idioten kannte ich nur zwei Vornamen und genau angeguckt hab ich gleich gar keinen (nicht ganz meine Zielgruppe ;)). Die Kohle hab ich abgeschrieben. Aber da waren ja noch die beiden Fußgänger, die ich gesucht und gefunden habe! Glück muss man haben, dass in diesem Kaff um halb fünf Uhr morgens überhaupt noch Leute unterwegs sind und dann auch noch ausgerechnet zumindest Bekannte von meinem Beifahrer, dessen Vornamen ich wusste.

Die beiden, übrigens sehr sympathische junge Leute und das Mädel hatte gleich ganz viel Mitleid mit mir, haben zwar drei Typen in verschiedene Richtungen davonrennen sehen, aber keinen erkannt. Einen [Name des Beifahrers] kannten sie jedoch von der Schule und der wohnte auch gleich eine Straße weiter. Zufällig die Richtung, in der einer der Jungs verschwunden war. Den Nachnamen hab ich mir notiert und dann die Polizei gerufen, die auch kurze Zeit später kam, sich die Geschichte angehört hat und mich in ein paar Tagen für die Zeugenaussage kontaktieren wollte.

Als ich gerade wieder in Stuttgart war, hat mich einer der Beamten (an die weiblichen Leser: frappierende Ähnlichkeit mit Jason Statham!) angerufen und meinte, sie stünden hier gerade im Wohnzimmer des Elternhauses vom Tatverdächtigen (es war 5.30 Uhr – geile Aktion, einfach mal auf Verdacht Leute wachgeklingelt :D), ob dieser denn einen Vollbart gehabt hätte. Ich sah meine Felle davon schwimmen, er war es wohl nicht, ein Vollbart wäre mir dann doch aufgefallen. Verdammt!

Ein paar Tage später, ich habe bereits meine Zeugenaussage gemacht und mal auf gut Glück Strafantrag gegen unbekannt gestellt, surfe ich so ein Bisschen durch die einschlägigen Social Communitys und BÄÄÄM – wen finde ich?! Mein Beifahrer war mit dem falschen Tatverdächtigen (der übrigens während seiner Vernehmung angab, keinen anderen mit diesem Vornamen zu kennen – grrrr!), „befreundet“ und so führte dann eins zum anderen. Alle drei haben gegenüber der Polizei gestanden, mir eine herzzerreißende (nicht wirklich) Entschuldigungs-SMS geschickt und je 20 € überwiesen. Oder besser gesagt: In zwei Fällen hat Papi überwiesen, ha ha. Der einzige, der mir dann noch einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, war der zuständige Staatsanwalt und seine Affinität zum § 153 StPO (müsst ihr jetzt nicht googeln: Einstellung wegen Geringfügigkeit). Hmpf.

November 2010: Ich warte wieder mal am Rotebühlplatz, einer meiner Lieblingskollegen steht vor mir und meine drei Nachtschwärmer (zumindest mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) steigen bei ihm ein. Ich hab ihm eine SMS geschickt, dass ich seine reizenden Fahrgäste kenne und er sich ganz entspannt an mich wenden soll, falls sie bei ihm denselben Scheiß abziehen. Haben sie nicht.

Gut, könnte zwar daran gelegen haben, dass mein Lieblingskollege eine Statur von zwei auf zwei Meter hat und rein optisch – ich hatte immer Schiss vor ihm, als ich ihn noch nicht kannte – durchaus ein Mitglied der italienischen Mafia sein könnte, aber ich glaube mal an das Gute im Menschen…

PS: Noch eine traurige Nachricht zum Schluss: Mein Taxi ist von mir gegangen. Dabei war es noch so jung und ich konnte mich gar nicht richtig verabschieden, aber – wie schon im letzten Blogeintrag vermutet – der Praxistest ist gescheitert.😉 Mal sehen, was sich mein Chef jetzt für ein Auto andrehen lässt. Hoffentlich eins, das länger als zwei Wochen am Stück fahrtüchtig ist. Und bis dahin muss ich mit einer B-Klasse fahren. B!!! Das Leben ist nicht fair.

22 Antworten zu Resozialisierung geglückt

  1. Tobi sagt:

    Ich habe jeden Tag auf deiner Seite nachgeschaut und endlich ist ein neuer Artikel drin und schon ist er zu Ende gelesen! Schade..
    Hoffentlich muss ich nicht so lange auf den Nächsten waren. Ich mag deine Beschreibungen sehr, weil sie mir immer ein kleines Lachen produzieren.🙂

    Die Länge finde ich super.

    Gute Besserung,
    Tobi.

  2. Marco sagt:

    Hallo Mia,
    hatte schon gedacht, du seiest ausgewandert, weil kein Beitrag mehr kam..–))
    Ich musste schon mehrfach grinsen, als ich die Passagen über das „primatenhafte Verhalten“ deiner 3 Fahrgäste las. Das nervt mich auch oft, aber der nötige Ausdruck dazu fehlte mir noch.

    Ich weiß nicht, ob´s den anderen Kollegen auch so geht, aber müsst ihr auch in 3 von 5 Fällen die Sicherheitsgurte eurer Fahrgäste einstecken?? Sind die alle unfähig? Mich jedenfalls nervt es jedes Mal, wenn ich dieses Gestochere neben dem Beifahrersitz mitbekomme und ich dann wieder anhalten muß, um selbst „Hand anzulegen“.

    So Mia, dann können wir nun wieder regelmäßige Beiträge erwarten?

    • MsTaxi sagt:

      Wieso musst du da anhalten? Ich bin mittlerweile so geübt im Angurten des VR, dass das auch dann klappt, wenn ich ihm die Gurtlasche aus den Fingerchen winde und dann, schwupp, einstecke…. sofern die Jacke des Fahrgasts nicht die Gurtschnalle verdeckt, funzt das. Wozu fahr ich Automatik? gg

  3. chefarbeiter sagt:

    B-Klasse… OH MEIN GOTT! Mein Beileid hast du!

  4. Corina sagt:

    Mist! Jetzt sind wir von weit weg hierher aufs Land gezogen, um nicht mehr so viele Idioten zu sehen, und dann gibts die hier auch. Na ja. Wahrscheinlich gibts die einfach überall, was?

    Freu mich auch, dass du mal wieder was geschrieben hast😉 Deine bisherigen hab ich verschlungen.

    LG Corina

    • Mia sagt:

      Tja, kriminelle Energie kennt keine Großstadtgrenzen. Wenigstens waren die ländlichen Idioten in dem Fall so idiotisch, dass sie es einfach ziemlich dumm angestellt haben. Hätte ich sie nicht erwischt, würde ich mich natürlich wesentlich mehr ärgern…

      PS: Immer wieder eine Überraschung, wie viele bis dato stille Leser ich doch habe.🙂

  5. Carsten sagt:

    Hallo Mia,
    ein weiterer sehr schön zu lesender Beitrag in einem interessanten Blog.
    Nur weiter so, und zu lang sind die Beiträge sicher nicht, dafür ist Deine Schreibe viel zu gut.🙂

    Viele Grüße aus Stammheim

  6. Warum sollte eine Ähnlichkeit mit Jason Statham nur für weibliche Leser interessant sein? Dann bitte die volle Klischeebreitseite und für Männer, selbst heterosexuelle, bitte unter dem Aspekt „Alta, Äktschnheldpolizist, der macht bestimmt jeden platt!“ ebenfalls als interessant deklarieren.😉

  7. Dirk sagt:

    Sehr geiler Artikel und toll geschrieben. Du hast eine sehr schöne Schreibweise. Gefällt mir ausgesprochen gut. Sehr beschreibend, nicht zu viele Details, aber auch nicht zu wenige. Ich weiß gar nicht mehr wann und wie ich auf Deinem Blog gelandet hin, aber gleich nach dem ersten Anlesen bekam er einen schönen Platz in meinem Feedreader.🙂

    Lass Dir Zeit mit dem Schreiben und lass Dir immer ein feines Zeitfenster zwischen zwei Artikeln. Deine Besucherzahlen werden noch weiter steigen und das wird Dich ein wenig unter Druck setzen, aber ändere nichts an Deinem Vorgehen, denn genau so wollen wir Leser das. Und nicht anders.

  8. ag0linho sagt:

    das mit den 300 seitenaufrufen war dann wohl ich🙂

  9. Mariha sagt:

    Naja, wieder was dazu gelernt nech? Seit diesem Zeitpunkt nimmst du hoffentlich Vorkasse:-).

    • Mia sagt:

      Ja, wenn diese Bankausrede nicht immer käme, wäre das ’ne gute Idee. Hier fahren sie alle ohne Geld in der Tasche Taxi, würde ich mich ja privat niiieee trauen!

      • Mariha sagt:

        Gut es gibt auch Banken die keine 20km entfernt sind, mir ist sowas zu heiß, sodass ich das dann eher ablehnen würde als – insbesondere bei solchen Spacken – ohne Kohle zu fahren, Handy als Pfand kommt auch immer gut😀

  10. tageswahn sagt:

    Schön, wieder einen Beitrag lesen zu dürfen.😀

    Wenn es mal spät wird, und/oder ich eh den ganzen Abend mit Karte zahle, kann es schonmal vorkommen, das eine Bank ein Wegpunkt der Reise mit dem Taxi ist….hatte nie das Gefühl, als hätte jemand Angst darum, daß ich die Biege mache. Lass aber auch immer demonstrativ meine Sachen (Laptop/Tasche) im Taxi.

    Was ich ganz toll finde ist, das einige Taxen über EC-Karte die Bezahlung ermöglichen. Etwas Bargeld fürs Trinkgeld hat man ja immer dabei.🙂

    • Mia sagt:

      Du wirkst eben vertrauenswürdig und grundsolide.😉

      Wobei mir das mit dem Laptop als Fahrgast dann aber doch ein Bisschen zu riskant wäre, wenn ich mir manche Fahrer so angucke. Nachher kommst Du aus der Bank uns das Taxi ist weg.😀

      • Malte sagt:

        Beim Taxi kann ich mir aber Nummer und Kennzeichen merken. Da ist die Gefahr eines Laptops mit Füßen nicht so groß denke ich.

        Danke für die schönen Texte. Gefällt mir (auch in der Länge!) sehr gut. Und Beileid zur B-Klasse. Die Wünsche ich nun wirklich niemandem (außer Fahrern der A-Klasse…*g*)

  11. Jo sagt:

    Der Blog ist einfach nur genial! Verschlinge wirklich ebenfalls jeden Artikel mit grosser Freude (auch wenn in meinem Leben vielleicht 3x mit dem Taxi gefahren bin😀 Aber das ist beste Werbung hier!).
    Ich weiss nun auch, dass ich kein guter Taxifahrer waere *g* Ich bin eigentlich ein sehr gutmuetiger Mensch, aber eben auch nur so lange, wie mir keiner ein ‚Ei legen‘ will. Wenn ich deine Geschichten so lese, dann haette ich nicht die Geduld fuer solche Fahrgaeste und wuerd sie alle erschiessen oder bei 120 aus dem Auto kicken😉😉😉
    Mach weiter so – vielen Dank fuer den Blog!

  12. Wolfram sagt:

    Stuttgart und Verkehrspolitik – das paßt wohl nicht so ganz zusammen…

  13. flo sagt:

    Wohoo, das war spannend… mehr so Räuberpistolen bitte!😀
    (auch wenn ich dir natürlich nicht wünsche, dass dir sowas öfters passiert – aber es liest sich gut, vor allem mit Happy-End… solche Spastis!!😀 )

  14. alex sagt:

    wiso was ist mit der e-klasse, das is doch ein werkswagen…

    wo war da das problem?

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