Fly me to the moon

Eigentlich bin ich wenig von mir selbst überzeugt, im Gegenteil, meistens bin ich überzeugt davon, rein gar nichts zustande zu bringen, aber wenn ich doch eines kann, dann: Autofahren! Jawoll. Hab ich tief in meinem Innern zwar schon immer gewusst, aber meine Kundschaft scheint es ähnlich zu sehen. Gleich sechs tolle Komplimente an einem Wochenende, das muss natürlich schriftlich festgehalten werden.

  1. „Wir haben schon gemerkt, Stuttgarter Taxifahrer fahren sportlich!“ Hab ich mal positiv gedeutet. Eigentlich wollte ich nur den voraus fahrenden Kollegen, der den anderen Teil der Truppe chauffiert hat, nicht verlieren – aber so oder so haben sie natürlich Recht.
  2. „Holla, für ’ne Frau echt nicht schlecht. Die Strecke fährst Du aber auch öfters, was?“ Sprachs auf der Neuen Weinsteige. In der Tat, die Strecke ist die Verbindung zwischen Stadt und Flughafen, fährt man demnach öfters mal (weshalb auch der immer wieder nett gemeinte Hinweis „Achtung, da kommen gleich Blitzer!“ so ein Bisschen … gääähn ist). Die Weinsteige ist für mich jedenfalls sowas wie die Porscheteststrecke, nur ohne Porsche und Test, einfach Spaß an der Freude – könnte ich blind fahren. Blöderweise behindern die beiden neu installierten zusätzlichen Blitzer, die schön über die ganze Strecke verteilt wurden, ein klitzekleines Bisschen meinen Fahrstil. Hmpf.
  3. Abholung in den frühen Morgenstunden beim Ibis-Hotel am Marienplatz. Junge Amerikanerin springt rein und meint nur: „RUN to the airport!!!“ Tja, was will man machen? Kunde ist König und ich beuge mich seinem Willen. Hier kam dann auch wieder die bereits erwähnte Weinsteige ins Spiel und ich hab mich ein wenig wie eine Heldin gefühlt, als wir gefühlte zehn Minuten später am Flughafen standen und sie mir mit einem „Thank you soooo much!“ freudig um den Hals fiel.
  4. Ältere Dame steigt abends in Birkach ein, wir gondeln gemütlich los und so nach fünf Minuten fragt sie beiläufig: „Junge Frau, mein Zug fährt in zwölf Minuten – meinen Sie denn, das schaffen wir noch?“ Ich liebe Herausforderungen. Geschafft hat sie es aber dennoch nicht, zwar waren wir nach 11 Minuten tatsächlich am Bahnhof („Das haben Sie jetzt aber gut gemacht, hätte ich nicht gedacht, dass wir überall so durchflutschen!“), aber wie sie dann in aller Seelenruhe Richtung Haupteingang geschlurft ist, war mein „Wer später bremst, ist länger schnell“-Verhalten totaaal umsonst. Der Zug ist wohl abgefahren. Höhö.😉
  5. Nachts auf der Theo(dor-Heuss-Straße) hat man immer den Eindruck, man ist umgeben von Idioten: Unterbelichtete unbeleuchtete Fußgänger torkeln rennen meist völlig unkontrolliert über eine vierspurige Straße. Gerade 18 gewordene Lowbrainer versuchen sich gegenseitig in ihren getunten VW Polos abzuziehen. Die Polizei sperrt regelmäßig die einzige U-Turn-Möglichkeit vorne in der Friedrichstraße, wohl um den auf Action erpichten Zuschauern die Show zu stehlen, sodass man schon mal eine Viertelstunde an der Ampel anstehen muss, was den Fahrgast in aller Regel und völlig zu Recht doch sehr in Rage bringt. Long story short: Wenn man gegen 4 Uhr früh die Strecke vom Rotebühlplatz bis zum Hauptbahnhof ohne Auffahrunfälle, Passanten auf der Motorhaube oder sonstige Zwischenfälle überstanden hat, ist man schon mal gut. Noch besser fand ich da den Spruch meines männlichen Fahrgastes: „Ich will ehrlich sein, ich bin schon ein Bisschen chauvinistisch veranlagt, aber Frauen können einfach nicht Autofahren. Generell können Menschen einfach nicht Autofahren. Und deshalb dürfen Sie sich auch geehrt fühlen, wenn ich Ihnen sage, dass ich die Fahrt mit Ihnen nicht nur sehr genieße, sondern mir nebenher sogar ein Organ transplantieren lassen würde.“ 
  6. Auch wieder mitten in der Nacht auf der „Stadtautobahn“ (ich hab keine Ahnung, was eine „Stadtautobahn“ sein soll, „Autobahn“ assoziiere ich mit mindestens 120 km/h und eigentlich ist es ja sowieso keine Autobahn, sondern nur eine Stadtbundesstraße, klingt aber nicht so cool und meine Schwester sagt immer „Stadtautobahn“ und deshalb sage ich das eben auch) – doch eigentlich befinden wir uns zum Zeitpunkt des Geschehens auf der Hauptstätter Straße also known as „B14“😀. Meine Fahrgästin ist nicht gerade der kommunikative Typ, wohl auch etwas melancholisch-sentimental angehaucht, wie sie so die ganze Fahrt über aus dem Fenster starrt, als sie mich plötzlich ganz verzückt ansieht und mit strahlenden Augen verkündet: „Mit Ihnen zu fahren fühlt sich an, als würde man fliiiiegen!“

Hach, das hört man doch gerne.

Und zu eurer Information: 0 Punkte in Flensburg.😀

13 Antworten zu Fly me to the moon

  1. David sagt:

    Schöne Sachen bei, am besten der Chauvinist. Schöner Schreibstil, bitte so weiter machen!

  2. Marco sagt:

    Endlich mal jemand, der so fährt wie ich..–))

  3. Michael sagt:

    Hach ja… da wird man ja richtig sentimental… Bin ja nur noch selten in Stuggi, aber die Weinsteige ist schon ne schöne Strecke. Aber mit den Blitzen geht es mir ganz ähnlich auf der B10 Richtung Esslingen. Da hatte ich es irgendwann (nach langer Übung) geschafft, genau an der richtigen Stelle bei exakt 120 km/h vom Gas zu gehen, um bei der ersten Blitze genau bei 85 km/h (Tachowert) zu sein. Dann wieder ne halbe Minute Vollgas und bis zur nächsten Blitze (ohne Bremsen) wieder auf 85 km/h ausrollen lassen…. kannste ja mal testen, wenn’s Dir wieder langweilig sein sollte🙂

    • Wolfram sagt:

      Und was bringt das, außer verbranntem Sprit?

      • Anna sagt:

        …was für eine Frage…
        Maximale Reisegeschwindigkeit bei minimal belasteten Bremsbelägen natürlich! Die optimale Kombination aus Fahrspaß und schwäbischer Sparsamkeit, weil Zeit ist nämlich auch Geld, weißt Du?
        Wenn Du das nicht verstehst bist Du hier glaube ich im falschen Blog…😉

      • Mia sagt:

        Daumen hoch, Anna!😀

      • Wolfram sagt:

        Um wie viel ist die Reisegeschwindigkeit letztendlich höher als bei gesetzeskonformer Fahrweise? Kommt man zehn oder 15 Sekunden früher an, die ma an der nächsten Ampel wieder absteht?
        Zeit ist nur Geld, wenn man sie wirklich gewinnt. Mit den Beschleunigungsspielchen verspielt man aber wesentlich mehr Sprit, als man an Zeit gewinnen kann.
        Und zwischen zwei festen Blitzern kann auch noch ’n mobiler sein…
        Wenn man das als Taxler zwei-, dreimal gemacht hat, dann ist man Millionär: Zeitmillionär und Fußgänger. Und viel Spaß bei der MPU mit dieser Einstellung – da wird ganz schnell die charakterliche Eignung zum Führen eines Kfz in Frage gestellt.

      • Silke sagt:

        Also Wolfram ist sicher Bus-Beifahrer. Der hat auch keinen Spaß beim Autofahren. Ich verstehen Euch😉

      • Wolfram sagt:

        Nö, bin ich nicht. Im Gegenteil, man sagt mir sogar „Rallye-Fahrstil“ nach – aber immer in den Grenzen der Gesetze, die ja auch nicht ohne Grund gemacht sind.
        Ist doch eigentlich viel lustiger: auf Höhe des Blitzers die ganzen Idioten, die dir vorher die linke Spur streitig gemacht haben, freundlich winkend überholen, weil DU weißt, wie schnell du fahren darfst – SIE aber trotz erlaubter 110 mal eben auf 80 runterbremsen, sicher ist schließlich sicher…

        Und ein kleiner Tip am Rand: wenn du mit 100 ankommst und siehst ein Reh auf der Straße 50 Meter vor dir, kannst du davor noch anhalten. Kommst du mit 130, dann nimmst du das Reh mit 90 km/h auf die Haube, und das ist nicht nur fürs Reh und deinen Führerschein ungesund…

  4. Der Chauvi ist lustig, aber den zweiten Satz verstehe ich nicht. Das Einlenken von „[geschlechtsspezifische Bezeichnung]“ zu „Mensch“ ist eigentlich ein typischer Queer-Theory-Reflex und mithin so überhaupt nicht chauvinistisch.
    Vielleicht hat er aber auch nur rhetorisch versucht, eine Kontraposition zu seiner Kernaussage aufzubauen, um sie zu verstärken.
    Anyway – Frauen können Auto fahren.

    Und die Aussage, dass du zu nichts imstande seist, werte ich mal als Fishing – allein deine erotischen Satzkonstruktionen (s. „Driver“) sind ja schon ein Beweis fürs Gegenteil.😉

  5. Mario sagt:

    Im ersten Moment denke ich morgens beim Überfliegen der neuen Einträge in meinem Reader immer „Oh Gott, soviel Text, das les ich später“, aber sobald ich die ersten Worte lese, komme ich meist nicht wieder frei😉 mach auf jeden Fall weiter so!

    Manchmal bin ich ja etwas traurig, dass ich nicht in Stuttgart wohne. Hier bei mir treffe ich einfach immer nur auf ziemlich langweilige Taxifahrer. Sollte ich jemals da unten sein werde ich aber nach dir verlangen!😉

  6. Hm da müsste man sich doch so langsam mal überlegen, nach Stuttgart zu kommen und sich dort ein bisschen mit dem Taxi durch die Gegend chauffieren zu lassen🙂

    Und wieder was gelernt: Lowbrainer. Muss ich mir echt merken.

  7. Vielleicht sollte ich auch mal wieder etwas forcierter fahren… Andererseits bekomme ich ähnliche Lobesbekundungen auch grade für meine sehr defensive, ruhige, geschwindigkeitsbeschränkungseinhaltende Fahrweise. Vermutlich ist es also in dem Sinn einfach egal, es gibt einfach verschiedene Fahrgasttypen, die unterschiedliche Beförderungweisen bevorzugen.

    Oder es liegt daran, daß wir beide Geschlechtsuntypisch fahren?😉

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