So nah und doch so fern

Irgendwie schon leicht ernüchternd, wenn man sein Blogmaterial förmlich zusammenkratzen muss, aber leider ist derzeit überhaupt nichts los in Stuttgart. Sogar die S21-Demonstranten bleiben nun größtenteils Zuhause und vertilgen lieber Weihnachtsgebäck als den Cityring bei -8° zu blockieren – was ja fast genauso schön gewesen sein muss, nech? Und im Taxi landen nur langweilige Fahrgäste in mittelprächtiger Trinkgeldlaune, so langweilig, dass ich mich trotz guten Umsatzes an kaum eine Tour erinnern kann.

Heute hätte ich dann aber doch fast verdammt viel Glück gehabt, aber – wie sollte es auch anders sein – eben nur fast!

Abholung in Sillenbuch vor einer netten Villa.

Älterer Hausherr und wohl mein Fahrgast öffnet die Haustür und schreit entsetzt:

„Soooo ein kleines Auto! Da passen wir ja niemals rein!“

Ähem.

Ich schon leicht angesäuert, weil die Zentrale kein Großraumtaxi beauftragt hat: „Wie viele Personen sind Sie denn?“

Er: „Na, zwei!“ … Und schließt die Haustür.

?!?

Ich weiß, eine B-Klasse ist nun nicht gerade ein Hummer, aber echt. Ohne Worte. Verwöhnte S-Klassen-Snobs. Ich trotte zu meinem Bobbycar zurück.

Fahrgästin öffnet die Haustür und lässt verlauten:

„Wir haben Gepäck!“

Also doch. Schön. Durfte dann erst mal ins 2. OG schlurfen und mit vier Koffern à gefühlten 20 kg wieder abwärts steigen. Dabei ordentlich viel Schneematsch hinterlassen, aber man hilft ja gerne. Und weil der Kofferraum einer B-Klasse tatsächlich noch weniger Stauraum hat als der einer A-Klasse (Selbstversuch!) könnte der ein oder andere Koffer beim Schließen des Kofferraumdeckels zwar eine Delle abbekommen haben, aber die Blöße wollte ich mir und meinem kleinen Auto dann doch nicht geben!

Fahrgast nimmt neben mir Platz, sein angetrautes Eheweib hinten.

Er grinst süffisant: „So, junge Frau, jetzt sagen Sie mir erst mal, was für ein kleines Auto Sie da haben, gnihihi.“

Ja ja, streu‘ Du nur weiter Salz in die Wunde. Dass er aber tatsächlich in einem Mercedes sitzt, hätte ihn dann doch fast vom Hocker gehauen … wenn er genug Platz gehabt hätte, haha.

Zum Hauptbahnhof sollte es gehen. Als wir so unterwegs sind, erkundigt er sich nach dem Fahrpreis bis nach Köln und meint dann:

„Das geht doch eigentlich. Dann könnten wir auch mit dem Taxi nach Köln fahren, mit der Bahn kostet es fast genauso viel für zwei Personen hin und zurück.“

Sowas nimmt man noch nicht ernst. Ich zumindest nicht mehr, seit ich am Flughafen von einem unter Zeitdruck stehenden Businessman, der offensichtlich seinen Flug verpasst hatte, ganz aufgeregt gefragt wurde, wie schnell wir in Hamburg sein können, ich eine optimistische Zeit nannte, derjenige begeistert nickte und dann wortlos davon ging. Pah! Das war mir eine Lehre, musste erst mal mühsam meinen Puls beruhigen. Anm. d. Red.: Größte Fahrt in fast fünf Jahren Taxigeschichte: Stuttgart – Pforzheim. Das ist NICHTS!

Und seine Frau hat schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Ich stelle mich auf die Stimme der Vernunft ein, da sagt sie doch tatsächlich:

„Klaus, noch kannst Du es Dir überlegen!“

Ich werde dann doch schon mal so ein Bisschen unruhig, überschlage die Fahrzeit bis zum Schichtwechsel – passt, biete einen Pauschalpreis an – passt. Und dann das:

Er: „Ach, ich weiß jetzt gar nicht, wie hoch die Stornogebühren für die Zugfahrt wären. Die Tickets für die Hinfahrt haben wir ja schon. Am Besten, wir fahren dann erst von Köln nach Stuttgart zurück mit dem Taxi. Aber trotzdem danke für die Bereitschaft!“

Ja, nichts für ungut!!! Menno.

An dieser Stelle anonymerweise einen Gruß an den Glückspilz der Kölner Taxikollegen in ein paar Tagen. Für eine kleine Dankesprovision wäre ich total offen.

PS: Habt ihr eigentlich die Schneeflocken auf meiner Seite bemerkt? Sind sie nicht herzallerliebst?😉

17 Antworten zu So nah und doch so fern

  1. Sash sagt:

    Klasse Timing mit meinem Beinahe-Artikel heute😉

  2. sharlih sagt:

    Macht ihr das in Stuttgart kostenlos, 4 Koffer aus den zweten Stock schleppen?
    Wir hatten früher ne Regel pro Koffer und Stockwerk eine Mark. Dann wurde das von der Stadt abgeschaft und wir sollen das auch Umsonst machen, heißt jetzt mit dem Datenfunk „Gepäckservice“ und man darf nichts verlangen. Sehe ich überhaupt nicht ein und habe diese Leistung aus meinen Profil austragen lassen. Ich weis auch was die Gepäckträger im Bahnhof verlangen und sehe nicht ein das ich zentnerschwere Koffer rumschleppen soll.
    Ansonsten alles Gute und bleib so wie Du bist!

    • Mia sagt:

      Bin am überlegen, ob es bei uns auch sowas wie „Gepäckservice“ gibt. Wie ich mich kenne, hab ich das aber bestimmt nicht auf meinem Chip – und mach es trotzdem… Super Sache.😀

      Wobei paradoxerweise die alten und gebrechlichen Kunden darauf bestehen, ihr Gepäck selbst in den Kofferraum zu wuchten, und die jungen dynamischen Männer drücken mir schon gern mal ihren 30-kg-Hartschalenkoffer in die Hand. Dafür gibt’s hin und wieder zwar mal ’nen Extra-Euro, aber meistens halt doch nicht und schon gar nicht von denen, die so richtig viel Gepäck haben.

      • sharlih sagt:

        Koffer einladen mach ich schon (bei Alten und Gebrechlichen ist das doch selbstverständlich) aber bei anderen, wenn er zu schwer ist, sollen die mal mit anpacken!

  3. Sebastian sagt:

    Ich würd‘ die Geschichte mal dem Chef stecken – vielleicht kann man an der Wahrheit so schrauben, dass einzig die kleine B-Klasse schuld an der entgangenen Fahrt nach Köln war…

  4. Wolfram sagt:

    In den Avensis hätte jedenfalls alles mit Leichtigkeit reingepaßt – obwohl es noch kein großer Citroën-Kombi ist.

  5. MsTaxi sagt:

    Ich hätte dem Herrn die Visitenkarte unseres Unternehmens ins Patschhändchen gedrückt und mal sanft darauf hingewiesen, dass für den genannten Pauschbetrag natürlich auch eine Abholung in Kölle gemacht wird.🙂

    Und das mit dem unangekündigten Einsatz als Lastkamel hab ich für mich (bei den öfter genannten Omis und Opis natürlich nicht) abgeschafft, als es ein hier ortsansässiger Herr es sich zum lieben Hobby machte, alle 2 Wochen mit zwei extrem schweren, mit Büchern bepackten Koffern zu verreisen. Die sollten dann aus dem Haus ins Auto, vom Auto auf den Bahnsteig geschleppt werden und das alles ohne Trinkgeld und auch noch am Sonntag morgen. Da andere Kollegen das auch so sahen und umsetzten, steht er mittlerweile brav am Straßenrand und schleppt selber zum Bahnsteig.

    PS: Das Geriesel iss hübsch und stört DA viel weniger als auf der Straße!

  6. sergej sagt:

    Was kostet denn Stuttgart – Köln, so interessehalber mal gefragt?

  7. DerSchuki sagt:

    Also der verlinkte Taxirechner hier sagt 628€. Da ist die Bahn wohl doch eeeeetwas günstiger. Selbst 2 Personen, 1 Klasse, zahlen dann nur 300€

    • Mia sagt:

      Ich hab mal mit 600 € gerechnet, wäre aber auch noch ein Bisschen runter. Klar ist es mit der Bahn günstiger, aber nachdem die DB in Sachen Zuverlässigkeit nun doch einen eher zweifelhaften Ruf hat, wäre es mit dem Auto natürlich wesentlich entspannter und gemütlicher. Ach, vielleicht komm ich eines Tages doch noch mit dem Taxi nach Paris…😉 Die Hoffnung stirbt zuletzt!

  8. Wer weiß, was dir passiert wäre, wenn du die Fahrt bekommen hättest. Und knapp 370 km in einer B-Klasse? Da dann doch lieber Bahn.

    Und jetzt geh ich mir die Hörner schleifen. ]:->

  9. flo sagt:

    Ach, die sind ja herzallerliebst!

  10. Marius sagt:

    Die Schneeflocken treiben herzallerliebst meine CPU-Last auf wirklich bezaubernde ca. 80%, was das sonstige Arbeiten nahezu unmöglich macht.

    Naja, guck ich halt im Sommer wieder vorbei, dann dürften die Flöckchen wieder verschwunden sein. *grummel* *sehrböseguck*

    • Mia sagt:

      Du sollst schließlich auch nix anderes arbeiten, wenn Du auf meiner Seite bist!!😉 Ein Bisschen mehr weihnachtliche Vorfreude, wenn ich bitten darf.

  11. Marc sagt:

    Ich bin vor einigen Jahren (ca. 1999/2000) mal für 250 DM nach München gebracht worden. Hatte eigentlich mit mehr gerechnet, aber der supernette Taxifahrer meinte „koi Problem, do wohnt mei Dochter – die wird Auga mache, wenn I se besuch“

  12. Radi sagt:

    Bevor Du Dich wundern musst, wenn Du Dir mal wieder Deine Besucherdetails bei WordPress anschaust: Ich bin gerade für ein paar Tage in Sao Paulo und über Dein klasse geschriebenes(-nen, -ne? Ja welchen Geschlechts ist denn ein) Blog gestolpert. Ich bin ja bekennender Stuttgarter, wohne aber in Chicago. Nur falls Du Dich über die Brasilianer und Amerikaner wunderst, die Deine literarischen Ergüsse verfolgen. Ich finde Deinen Stil klasse – wenn ich mal wieder die Heimat besuche werde ich gerne mal von Dir mitgenommen. Die Taxler in Chicago haben alle etwas am Helm, by the way.

  13. T sagt:

    Fürs nächste Mal lernst du die Stornierungskosten für die verschiedenen Bahntickets auswendig – 15 Euro (für ein Normalpreisticket, also ohne Zugbindung) wären ja bei der Strecke eher Peanuts gewesen …🙂

    http://www.bahn.de/p/view/buchung/onlineticket/erstattung.shtml

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