Auf die Größe kommt es an

„Wenn man einen Riesen sieht, so untersuche man erst den Stand der Sonne und gebe Acht, ob es nicht der Schatten eines Pygmäen ist“, schrieb einst Novalis.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Sonne während so einer Nachtschicht doch eher dezent im Hintergrund hält, schiebe ich der Einfachheit halber einfach alles mal auf den Alkohol.

Nachdem mein vorübergehender fahrbarer Untersatz von einer Fahrgästin im Greisenalter nämlich neulich in aller Liebenswürdigkeit als „Knutschkugel“ (traf nachvollziehbarerweise nun nicht direkt mein Komikzentrum) bezeichnet wurde, war ich doch überrascht, als ein dynamischer Typ vom Schlag Dipl.-Ing. bei Daimlers einsteigt und nach zwei Minuten genüsslichen Räkelns vermeintlich treffsicher vermutete:

„Was ist das hier eigentlich? E-Klasse, oder?!“

Yeah, the pride is back.😀

Noch überraschter war ich allerdings, wie oft man mir dann im Laufe der Nacht doch wieder einreden wollte, mein kleiner Mercedes sei ein Großraumtaxi…

Erst lade ich am Perkins Park aus, wo ich zwanzig Meter weiter direkt wieder rangewunken werde. Wer den Perkins Park kennt, weiß um die Parksituation: Ich blieb spontan einfach mitten auf der Fahrbahn stehen. War ja kein Verkehr.

Und natürlich, wie das bei den entscheidungsgehemmten Partypeople eben so ist, musste sich erst einmal untereinander beratschlagt, dann Geld gesammelt und mit mir ein Pauschalpreis verhandelt werden. Bis sich dann plötzlich herausstellt: Ups, wir sind ja zu fünft.

„Kannst Du nicht? Geht doch auch nicht weit!“

Oaaah, jetzt soll ich mir sogar eine dieser seltenen Kurzfahrten entgehen lassen? Ob ich der Versuchung widerstehen kann? Trotzdem: Vergisses. Praktischerweise rollte just in diesem Moment von hinten ein Streifenwagen heran, standesgemäß mit Blaulicht, wohl aufgrund des Trubels auf der Fahrbahn, und ich ergreife einfach mal die Flucht. Sie sind mir nicht gefolgt.😀

Am Nordbahnhof werde ich erneut angehalten. Eine unüberschaubare Zahl an jungen Menschen hüpft mir ins Auto, ich rolle los, werfe nach ein paar Sekunden einen Blick in den Rückspiegel und sehe drei, nein, oh Schreck, vier Köpfe! Ahhhh! Mein Fehler zwar, aber ist es nicht erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich diese Bohnenstangen stillschweigend bei mir ins Taxi quetschten? Nun, mein Gemotze durften sie sich anhören, die Uhr lief aber schon und ich war zu faul, die Fehlfahrt auf dem Abrechnungszettel aufzudröseln, also hab ich sie in aller Heimlichkeit (Achtung, Ironie) am Schlossplatz rausgelassen.

Ein paar Touren später fahre ich die Theodor-Heuss-Straße rauf und runter auf der Suche nach der letzten Kundschaft für diese Nacht, als an einer Ampel eine Gruppe auf mich zustürzt. Einer, wohl das nüchternste Exemplar, lehnt sich in den Beifahrerraum und fragt mit Engelszungen:

„Wir wollen nach Baach (Anm. d. Red.: Kaff am Ende der Welt in exakt entgegengesetzter Richtung von meinem Ablöseplatz – danke, Murphy!), aber wir sind zu fünft, ginge das?“

„Nein, tut mir leid, mach‘ ich nicht.“

„Och bitte, wir ducken uns auch, wenn wir in ’ne Kontrolle kommen.“

Genau, so ganz unauffällig… Und dann kotzt ihr mir in den Fußraum.

„Sorry. Ich kann zwar mal bei der Zentrale nach einem Großraumtaxi fragen, aber um die Zeit kann das schon ein Weilchen dauern. Sieht wohl so aus, als müsstet ihr euch zwei Taxis nehmen.“

Getuschel untereinander.

Ein anderer fragt:

„Macht er nicht?“

Mein Verhandlungspartner in fast ehrfürchtigem Ton:

„Es ist eine S I E !!!“

Hihi. Diese überdeutliche Klarstellung, wenngleich völlig kontextirrelevant, fand ich dann doch herzig.😀

Der zweite Kerl kommt also an mein Fenster und juchzt:

„Ey, die kenn‘ ich! Hahaha!“

Verdammt! Weite Fahrt in Aussicht + bekannter Fahrgast = denkbar schlechteste Kombination. Heißt fester Freundschaftspreis, heißt kein Trinkgeld, heißt freundlich sein und Konversation machen.

Muss ich doch in einer Stadt mit 600.000 Einwohnern ausgerechnet einem Typen aus der Parallelklasse meines Abijahrgangs über den Weg fahren. Damals hatten wir zwar so ziemlich genau gar nichts miteinander zu tun, aber für eine günstige Heimfahrt kann man sich dann schon mal kurzzeitig opportunistisch zeigen, ne? Schnell war es dann auch mit der Loyalität unter Großraumtaxisuchenden vorbei und so hab ich ihn und seinen Kumpel für ’nen Apfel und ein Ei (und eine „Lass Dich knuddeln“-Umarmung, die mich eher an den Würgegriff eines Taxiräubers – so von hinten um die Kopfstütze herum – erinnerte) nach Baach gebracht. Der Rest der Truppe wird mindestens das Doppelte bezahlt haben.

Sein zufriedener Abschlusskommentar:

„Gib‘ mal Deine Nummer, jeder arme Student sollte seinen persönlichen Taxifahrer im Handyspeicher haben!“

Notiz an mich selbst: Freundeskreis auf ein Minimum reduzieren. Freundschaftsschließungen in Zukunft durch mürrischen Standardblick unterbinden.

Und liebe Kinder: Es gibt zwar nicht viele Großraumtaxis, aber es gibt sie. Die nehmen meines Wissens auch Vorbestellungen an, eben weil sie so begehrt sind. Einfach mal in der Zentrale fragen oder sich direkt eine Karte des Großraumtaxifahrers geben lassen. Wenn euch das zuviel Aktionismus ist, sucht ruhig weiter nach den wenigen überschaubar intelligenten Kollegen, die für Geld alles tun und auch schon mal mehrere Leute auf- oder gar ineinander gestapelt transportieren. Aber die goldene Regel nicht vergessen: Wer die Scheibe kaputt macht, zahlt.😉

13 Antworten zu Auf die Größe kommt es an

  1. Sash sagt:

    …und wenn du ein Großraumtaxi hast, geht der Spaß gleich weiter:
    „6 Leute? Na dann gehen doch auch 8!“
    „Nein, es ist nicht nur verboten, sondern wirklich auch wirklich zu eng!“
    „Aber wir sind doch ganz schmal…“
    Manche sind einfach beratungsresistent😦

  2. Mia, warum machst nicht den Super-Sonder-Freundschaftspreis für das Doppelte der normalen Kosten? Dazu ein Engelslächeln. Bekommen die doch eh nicht gechecked und erspart dir künftig solche Situationen.

    • Mia sagt:

      Du wirst lachen (oder heulen), aber ich musste schon deren restliche 20-Cent-Stücke zusammenkratzen, um überhaupt auf den vollen Spottpreis zu kommen.

      Aber ich sage ja bei unverschämten Preisverhandlungen über Kurzstrecken inzwischen gerne mal: „Okay, machen wir doch einfach pauschal 50 €.“ Wer weiß, vielleicht lässt sich irgendein Trottel tatsächlich mal darauf ein.😀

      • Du hattest aber alles Pech der Welt an dem Abend, was?

        Bitte dann aber den Namen und ein Foto von der Person hier veröffentlichen, wenn du es mit den 50 EUR schaffst.😉

  3. Achim sagt:

    dachte immer diese Spezies (ironie an) gibbet nur in Münster (ironie aus) und nur hier wollten die Leute mit 5 und mehr Fahrgästen für 5€ ins Partyzentrum.

    Fahre zwar einen 6er aber entweder kommt der Spruch „Da gehen auch mehr“ oder halt ne ne das ist ein Großraum der kostet Zuschlag.

    Und bei einer Fahrzeit von max. 3 Min. bekkommt man das System Taxi selbst BWlern nicht erklärt.

  4. MsTaxi sagt:

    Mein Standardspruch für solche Fälle: „Nee, so hübsch sind Sie nicht, dass ich wegen Ihnen meinen Job aufs Spiel setze.“ Wirkt abschreckend genug…

    Neulich passierte dann folgendes: 0.30 Uhr: 6 Jugendliche, recht gut gefüllt, sie schickten einen der Ihren vor, der an meinen Passat herantrat: „Was kostet denn die Fahrt zu „Tankeca.1kmentfernt?“ – „Ca. 4€ bis 4,50€, je nach Ampellaune, aber mit 6 Mann fahr ich nicht.“ – „Dann schick uns ein Großraumtaxi.“ (Kosten bei uns keinen Aufschlag) – „Sorry, alle Großraumer haben für heute schon Feierabend gemacht.“ (Nein, ich wollte die nicht ärgern, das war wirklich so) „Nehmt halt 2 Wagen.“ – „Nee, das wird zu teuer. Da ruf ich einen Großraumer an, aus der „Nachbarstadt4kmentfernt“, soll der uns fahren.“ – Und jetzt oute ich mich als total oberfies: Ich hab den Sparschweinchen nicht erzählt, dass die Tanke um 0.00 Uhr ihre Tore schließt, ich hoffe nur, dass der Kollege aus der Nachbarstadt das entweder wusste oder aber zumindest fragte, wo die Fahrt denn hingehen solle. Gesehen hab ich die Jungs in der Nacht wenigstens nicht mehr🙂

    • Mia sagt:

      Ich hab’s ja nun auch nicht im Überfluss, aber wie man sich maximal 1,50 € pro Person in zwei Taxen ernsthaft nicht leisten können will, wird mir auf ewig Rätsel aufgeben. Nur was wollten die überhaupt an der Tanke? Gibt’s da nach zehn sowieso nicht nur noch Sprit für Autos?😀

  5. sachma sagt:

    Bist du gutmütig. Eigentlich hkanntest du doch den typ gar nicht. Der soll gefälligst den vollen Preis zahlen. Aber wenn ich mal bei dir ins Taxi steig versuch ich ne ähnliche Masche. „Eh isch kenn disch. Les dein Blog“ oder bei fortgeschrittenerem Alkoholkonsum „ehschkenndnlog“ ;-D

    • Mia sagt:

      Kannste knicken!😀

      Von Bloglesern erwarte ich, gerade weil ihr meine ganzen Mitleid erregenden Geschichten hier lest, ein bisschen mehr Großzügigkeit.😉

  6. sachma sagt:

    Na gut dann offenbar ich dir eben nicht, dass ich dich kenn und versuch ne andere Masche.😉 Oder du gibst mir deine Nummer und ich komm aus der Sache nicht mehr raus mit der Großzügigkeit.😀

  7. Schienenblog sagt:

    Ich hab es auch schon desöfteren anders erlebt. Nach einer Feier hab ich bei meinem Taxiunternehmen des Vetrauens ein Großraumtaxi, oder zumindest ein Taxi mit Sitzmöglichkeit im Kofferraum, für 5 Personen bestellt.

    Nachdem das nicht kam, bzw. wohl einfach jemand anderes unterwegs eingesammelt hatte, schickte die Zentrale einen neuen Wagen. Allerdings hat der Zentralist wohl nicht dran gedacht, dass wir zu fünft sind. Der Taxifahrer meinte da nur ganz trocken: „Los, setzt euch rein! Aber einer hat immer den Kopf unten.“

    Klar, richtig ist das nicht, aber wenn betrunkene und angetrunkene Personen nach Hause wollen, nehmen die das wahrscheinlich auch alle nicht ganz so ernst.

    Dennoch find ich dein Handeln richtig. Ich hätte es auch nicht gemacht🙂

  8. Birger sagt:

    Ich werde eh nie verstehen, warum jemand nur weil man sich entfernt kennt, eine Dienstleistung günstiger bekommen sollte – insbesondere wenn dafür keine Gegenleistung zu erwarten ist.

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