Schrecksekunde

„K2“ stand als Zusatz in meinem Auftrag und bedeutet Kindersitz für die 2. Altersgruppe, die Größeren. Säuglinge fährt man ja selten und wenn, bringen die Eltern den Kindersitz meist selber mit, in meinem Fall reichte aber das integrierte Hochklappdingens von Mercedes.

Das Kind wurde mir direkt in die Arme gedrückt, Ladung platziert und gesichert. So auch die Koffer. Zum Flughafen sollte es gehen.

Bereits nach wenigen Minuten turnt das Kind jedoch tatsächlich wieder abgeschnallt im Auto herum.

Ich, im Tenor ungefähr wie folgt, nur etwas netter:

„Seid ihr bescheuert? Schnallt sofort euer Kind wieder an, meine Fresse!“

Die Mutter wollte noch ernsthaft eine Diskussion mit mir anfangen, das Kind sei ja so quengelig im Kindersitz… Genau, lass es springen, Sicherheit wird sowieso überbewertet. Sie war der deutschen Sprache nicht so ganz mächtig, aber irgendwann hat auch sie verstanden, dass ein Kindersitz wirklich nur dann Sinn macht, wenn das Kind auch drauf sitzt. So weit, so gut.

Wir sind inzwischen auf der B27 unterwegs und unmittelbar an dieser Stelle: 

 

… passiert, was hier immer passiert: Irgendein Ortsunkundiger kommt von der Autobahn runter, fährt erst eine Weile ganz rechts und merkt dann hundert Meter vor der Ausfahrt, dass er gar nicht nach Echterdingen(-Nord) will und zieht rüber.

Für mich nichts Neues, schnell reagieren musste ich aber trotzdem, also gehe ich kurz, wenn auch mit Schmackes, auf die Bremse. In dem Moment nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, klappe aus Reflex meinen rechten Arm quer über die Lücke zwischen Fahrer- und Beifahrersitz, und was bleibt dort im Flug hängen? Das kleine Mädchen. Ein Fliegengewicht, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können. Offensichtlich von den Eltern erneut losgeschnallt aus Gründen, die mir auf ewig verschlossen bleiben werden.

Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich zu spät reagiert hätte. Oder gar nicht. Oder zu doll gebremst. Mein Gott. Den Eltern stand der Schock wenigstens ins Gesicht geschrieben und das Kind saß – übrigens quietschfidel und vergnügt – bis zum absoluten Stillstand vor den Terminals brav angeschnallt im Sitz.

Wer solche Eltern hat, braucht keine Feinde mehr…

16 Antworten zu Schrecksekunde

  1. Marlon sagt:

    Hallo Mia,

    hast du da nicht einfach die Möglichkeit anzuhalten und die Leute rauszuschmeißen? Die Eltern gefährden nicht nur sich und ihr Kind, dich ja auch.
    Hast dann zwar keinen Umsatz, aber ein Problem weniger😉

    Gruß Marlon

  2. Sash sagt:

    Knapper geht ja nicht mehr…
    Ich glaube, nach der Aktion hätte sogar ich meine Fahrgäste zu Schnecken gemacht und mir irgendeine Sanktion für ihre galoppierende Blödheit ausgedacht.

  3. Leider vermehren sich meiner Ansicht nach nur noch die sehr bis völlig Merkbefreiten. Alle anderen haben die Reproduktion eingestellt.

    So meine, höchst subjektive, Meinung.

    Für dich hoffe ich, dass sowas nie wieder passiert. Auf der anderen Seite, sollte dir diese Erfahrung als Argumentationshilfe dienen, wenn du wieder ein paar dieser Gattung im Auto hast.

  4. Einer der Punkte, die mich bei unseren Briten in Paderborn oft so richtig ankotzt. Sicherheitsgurte sind nicht nur für die Erwachsenen lästig, die machen sich auch nicht die geringsten Gedanken um die Sicherheit ihrer Kinder. Was bin ich schon ausgelacht worden, wenn ich auf die Anschnallpflicht hingewiesen habe.

    BTW: Als Taxifahrer wird es richtig teuer, wenn man Kinder ungesichert mitfahren lässt, Punkte gibt es obendrein. Und das auch ohne Unfall, eine aufmerksame Polizeistreife reicht da aus.

    • Dafür staunst du umso schöner, wenn jemand im Fond den Gurt anlegt und auf deine Aufforderung „Bitte auch hinten anschnallen.“, dir antwortet „Hab ich schon, bin doch nicht lebensmüde.“

  5. svuechiatrie sagt:

    Schön, dass du im Zweifelsfall den Ärger bekommen hättest. Man kann ja auch schlecht nachweisen, dass man gefühlte 100x gesagt hat, dass die Eltern ihr Kind anzuschnallen haben. -.-

  6. Agnostiker sagt:

    Ich bin zwar „nur“ Privatfahrer aber bei dem Thema versteh ich keinen Spaß. Ich hab auch schon gute Freunde vor die Wahl gestellt „Anschnallen oder Aussteigen“.

    Ich schnall mich immer an, sogar im Bus. Wenn es im Zug Sicherheitsgurte geben würde, würd ich den anlegen.

    Wenn sich jemand selber so umbringen will, dann ist das seine freie Entscheidung. Ich bevorzuge es aber nicht von einem durchs Auto fliegendem Körper mit dem mehrfachen der normalen Gewichtskraft im Kreuz getroffen zu werden.

  7. mybisoftware sagt:

    Klarer Fall von „Ich weiß wohl selbst am besten was gut für mein Kind ist“. Gut das nichts weiter passiert ist, aber auch gut das was passiert ist. Oft hilft einfach nur lernen durch Schmerz…

  8. funthomas sagt:

    Zwei Freundinnnen von uns, beide Intensiv-Krankenschwestern, waren auf dem Weg in den Urlaub Ersthelfer bei einem Unfall auf der Autobahn, irgendwie sind zwei Autos kollidiert. Beide Wagen waren voll besetzt. 8 Erwachsene waren unverletzt. Das Kind, dass unangeschnallt in einem der Wagen sass, war tot.

  9. sachma sagt:

    Damit hast du dir deinen Platz im Paradies gesichert.
    Den Eltern sollte man allerdings das Sorgerecht entziehen.

  10. Chris sagt:

    Interessantes Video zu dem Thema:

  11. chefarbeiter sagt:

    Die Kurve auf der rechten Spur nach Echterdingen in der Unterführung macht übrigens richtig Spaß, wenn man sie mit voller Geschwindigkeit fährt😀

  12. ednong sagt:

    Manche Eltern könnte man mit dem Kopf minutenweise auf die Tischkante kloppen. Allerdings hilft das wahrscheinlich auch nicht. Denn wo nix ist, wird auch nix …

  13. Carlos sagt:

    Lese gerade völlig fasziniert Deinen Blog. Hier haut’s mir aber echt den Kuckuck raus und ich muss mal einen Kommentar loslassen. Mal abgesehen von Deiner Pulitzerpreis-verdächtigen Schreibe sind die Geschichten, die das Leben schreibt, ja echt unfassbar. Ich bin Vater und bekomme an der Schule meines Sohnes von manchen Eltern auch so manches mit. Meine Erfahrung: Reden bringt nichts. Wer sich so verhält scheint a) ohnehin celebral komplett versiegelt zu sein und b) falls nicht denn doch der Überzeugung, seine Verhaltensweise ist die richtige. Denn das ist ein menschlicher Grundzug, den wir alle an uns haben. Beispiel: Sitzen wir im Sommer an einem Biertisch und reden darüber, dass wir das Klima schonen müssen und beim Eiskratzen im Winter den Motor nicht laufen lassen dürfen, ernten wir Zustimmung. Aber sag das mal der gleichen Person, die Mitte November morgens im Dunkeln an der Scheibe rumfuhrwerkt, während es aus dem Auspuff qualmt. Du kannst sie freundlich fragen, ermahnend hinweisen oder anschreien. Es hilft alles nix. Sie beschimpfen Dich als Querulant in inbrünstiger Überzeugung, das Richtige zu tun.
    Wissend lächeln. Und dem Betroffenen das Denken selbst überlassen. Sollte das Lächeln die celebrale Versiegelung lösen, kann er daraus lernen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Aber wer hat dazu schon die Geduld? Und das siegelbrechende Lächeln. Obwohl, wenn Du so lächelst, wie Du schreibst, könntest Du so jemand sein… Schreib weiter!

  14. Oliver sagt:

    Sehr unverantwortlich – das wird mit den Eltern im Privatauto ja sicher nicht anders sein. Abgesehen davon scheint es die nicht zu interessieren, dass der Fahrer verantwortlich ist, dass alle Mitfahrer angeschnallt sind…

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