Die Jugend von heute

Dass am Trinkgeld gespart wird, ist in dieser Altersklasse nicht weiter verwunderlich und auch zumindest solange nachvollziehbar bis man erfährt, welche Summe im Laufe der Nacht „verflüssigt“ wurde.

Meine drei Prototypen sparten jedoch nicht nur am Trinkgeld, sondern auch gleich an Manieren, Humor, Artikeln und von Zeit zu Zeit an Vokalen.

Aber lest selbst. Wirklich schade, dass man das rasante Sprechtempo schriftlich nicht wiedergeben kann, aber ich habe mich trotzdem bemüht, mir deren herzallerliebste Ghettosprache anzueignen, damit ihr mein anspruchsvolles Belauschnis nachempfinden könnt. Es ist mir ein Rätsel, wie die sich untereinander verständigen können, ohne permanent nachzufragen.

„Bisch frei?“,

war der sympathisch-niveauvolle Opener. Ich hätte allzu gerne zur Notlüge

„Nein, verheiratet!“

gegriffen, aber darauf wollten sie zum Glück dann doch nicht hinaus. Ich war wohl zu alt, hatte meine Bibliothekarinnenbrille auf und las gerade ein Buch, als sie ans Taxi kamen. In allen Punkten durchgefallen. Und als sie erst mal saßen, war’s mit der Kommunikation auch schon wieder vorbei.

Schweigend cruisen wir also durch die City. Vom Rotebühlplatz bis vor zum Hauptbahnhof hab ich es ausgehalten, dann musste ich doch mal nachfragen, wohin es denn eigentlich bitteschön gehen soll.

„Krnwsthm“,

war die Antwort. Jetzt versteht ihr auch das mit den Vokalen. Ich dachte ja erst, mein Hörsinn laggt. Nach zweimaligem Nachfragen hat die Omma dann aber auch verstanden, dass Kornwestheim gemeint war.

Das Jüngelchen hinter mir, ich habe sie alle wohlweislich nicht so genau betrachtet, war jedenfalls zunächst mein Liebling. Der einzig Vernünftige, wie mir schien, als er verkündete:

„Ey, Bros, es tut mir äscht mal gut, das (hätte er diesen Satz schreiben müssen, er hätte sicherlich „das“ anstelle von „dass“ geschrieben, ich schwör‘) wir heute nirgendwo reingekommen sinn. Sonst wären wir jetzt hacke und die ganze Kohle wech, nä?“

Wenig später ruiniert er seinen guten Eindruck prompt, als es zum emotionalen Ausbruch

„Scheiße, Bros, ich muss heute noch was f*cken!“

kam. Daraufhin hat er auch direkt eine seiner Gespielinnen angerufen. Mit Floskeln wie „Hallo, wie geht’s Dir?“ oder Ähnlichem hielt er sich nicht lange auf, er kam gleich zur Sache:

„Mit wem bisch Du? Und wo geht ihr? Ahhh, geht ihr auch noch Mäcces?! Ja, wir auch, cool, Mann. Bis gleisch dann, nä?“

„Alda, die isch mit [weiblicher Vorname], [weiterer weiblicher Vorname] unn [weiterer weiblicher Vorname]. Einer von uns muss Doppelpack schieben, Bros, hehehe.“

Dazu ein anderer:

„Bittää? Doch wohl nisch die [oben genannter weiblicher Vorname]? Ey, da kriech äscht zu viel, wenn die nur den Mund aufmacht: Alda hier, Alda da…“

An dieser Stellte imitiert er den allseits bekannten Assislang. Es gelingt ihm verblüffenderweise auf Anhieb…

Endlich passieren wir das Kornwestheimer Ortsschild, mickrige 24,40 € stehen auf der Uhr.

Mein Beifahrer: „Ey, sinn wir aus Afrika gekommen oda was?“

Hach, was haben wir gelacht. (Da hätte mich dann aber doch mal interessiert, welche „ganze Kohle“ er meinte, hätten sie Einlass in einen Club gefunden.)

Nachdem der Fahrpreis mit vielen, vielen 50-Cent-Stücken exakt beglichen wurde, ging es ohne ein Wort des Dankes oder der Verabschiedung auf zu Mäcces. Erst ein paar Burger, dann ein paar Ischen vernaschen.

Härrlisch. Und zum ersten Mal bin ich froh, dass ich langsam, aber sicher auf Ende Zwanzig zugehe. Wäre das meine Auswahl, ich könnte gar nicht so viel essen wie … Na, ihr wisst schon.

19 Antworten zu Die Jugend von heute

  1. sachma sagt:

    Ähh Isch schwör isch hör dem redn. nd verschdn isch gar net so schwäär. Musch nur so dun als ob du blödd wärschd.

  2. nadar sagt:

    au wei

    Zum Glück konnten die ned rechnen und haben 24,40 EUR mit 50-Cent-Stücken passend bezahlt.😉

  3. MsTaxi sagt:

    Die konnten auch noch anderes nix, obwohl sie Schwaben waren (oder waren das keine Eingeborenen? *gg*)

  4. Dennis M. sagt:

    Ich kenne diese Digga-Alta (in Hambuich mit hartem ‚töh‘)-figgn-Jugendsprache ja nun auch in Hamburg, und finde das schon tlw. unterirdisch. Aber dann noch zusammen mit Schwäbisch (no offense!)? Oh! Mein! Gott! Ich müsste mir erst mal einen Babelfisch besorgen.😀

    Frankensteins Gesellenstücke.

    P.S.: Ist es bei euch auch so verbreitet, dass das weibliche Klientel rumläuft, als hätte sich eine ganze Klasse Stukkateure im Gesicht einer jeder einzelnen ausgetobt, dazu diese billigsten H&M-KLederjacken mit sehr breitem Stoffbund an Ärmeln, Kragen und Taille, dazu Goldschmuck in solchen Mengen, dass selbst B. A. sagen würde: „Man kann es auch übertreiben!“?

  5. Dennis M. sagt:

    … und als Beinkleind völlig ausgebeulte Jogginghosen, wo das Knie gerne mal eine halbe Minute vor dem Rest um die Ecke kommt, und abgewetzten Chucks-Imitaten an den Schuhen? Im tiefsten Schnee?! Haben die alle keine Mamis, die denen mal ordentliche Winterschuhe anziehen? Bei den rosa Wollhandschuhen funktioniert es doch auch.😀

  6. MsTaxi sagt:

    Die Entwicklung guten Geschmacks in Sachen Kleidung braucht einige Jahre und viele Irrfahrten, oder warum tragen Mädels Hüfthosen a la Shakira? Die stehen nur max. 5% aller Mädels gut zu Figur.

  7. Kommentator sagt:

    Naja, Kornwestheim halt…
    (Ich versuche, per Blog-Kommentar die Anwohner solcher abgelegenen Siedlungen zu mehr Erziehung zu erziehen, um den Ruf der jeweiligen Gemeinde zu verbessern… OK, Versuch sofort wieder aufgegeben. Immerhin haben die Knaben bezahlt, ist doch auch was.)
    Diese Hüfthosen stehen noch nichtmal Shakira.

  8. „Wäre das meine Auswahl, […]“ dann versteht man sofort, warum Frauen sich meist etwas ältere Männer suchen.

  9. monk sagt:

    dazu fällt mir ein:

    btw: Wenn die mal heiraten, gehen die dann mit ihrem Mädel zum Trau-altaa (Pfarrer) ?

  10. Dennis M. sagt:

    „Du Opfa, Alta!“ – „Opferaltar? Ich?“😀

  11. svuechiatrie sagt:

    Ich glaub ich überleg mir noch mal ob ich am Wochenende wirklich nach Stuttgart fahr… ^^

  12. svuechiatrie sagt:

    ach ja.. gibts eigentlich Rabatt für Blogleser? xD

  13. Wenn ich so etwas lese, finde ich es schon wirklich peinlich, zu dieser Generation zu gehören.

    Was die Klamotten angeht, wo sich hier ja einige beschwert haben…hofft einfach mal, dass der Sommertrend aus Australien, nicht im nächsten Sommer auch in Deutschland ankommt. Bauch frei ist wieder da und kann auch dieses mal nicht von allen getragen werden. Kombiniert wird es allerdings nun mit Röcken und Hosen, die knapp bis zum Bauchnabel gehen, egal ob lang oder kurz oder sogar Mini.

    Und was das Taxi fahren an sich angeht, ich würde auch mal gerne an nette Fahrer gerade, aber ich hab immer das Glück, dass in 65% der Fälle, es bei mir der Fahrer ist, der Deutsch bzw. momentan ja Englisch nicht versteht.
    Wenn ich mir den Blog hier so ansehe, dann hätte ich gerne, die Stuttgarter Taxifahrer hier und tausche gegen die aus Sydney.😉

  14. Phil sagt:

    @Anna: Du willst die Stuttgarter Taxifahrer nicht in deiner Stadt haben (ausgenommen die, die ein eigenes Blog haben). Vielleicht Taxifahrer aus Berlin, Leipzig oder Köln, aber bestimmt nicht die aus Stuttgart.😉

    • Das klingt hier nur so nett.
      Dann tausche ich Köln gegen die hier. Wobei, die aus Adelaide nehme ich auch noch, aber in Melbourne und Sydney, kann man anscheinend ohne die exakte Hausnummer nicht losfahren, trotz Straßennamens und Name des Hotels etc.
      Angeblich können die 5 Navis im Auto nämlich sonst nicht navigieren und in eine Straße reinfahren ohne die Hausnummer zu kennen, geht natürlich gar nicht…komischerweise in Adelaide schon.
      Ich weiß ja nicht wie die fachmännische Meinung dazu ist, aber ich denke schon, das so etwas möglich sein sollte, oder?

      • Phil sagt:

        In Deutschland müssen Taxifahrer ja soweit ich weiß nachweisen dass sie ortskundig sind (gibts wohl ne Prüfung), vielleicht gibts sowas in Australien nicht.

        Wobei ich auch in Deutschland letzte Woche wieder dran gezweifelt habe, als ich vom Stuttgarter Flughafen nach Heslach/Südheimer Platz wollte und der Taxifahrer meinte das kenne er nicht. Naja wie gesagt, Stuttgart eben. :p

      • Mia sagt:

        Ja, es gibt sehr wohl eine Ortskundeprüfung und die hat’s ganz schön in sich. Ich bin ja nicht umsonst einmal durchgefallen.😉

        Da fällt mir ein, mich hat mal ein Kollege mit Fahrgast an der Kreuzung beim Daimler in Möhringen gefragt, wo denn eigentlich das SI-Centrum sei… Wie der durch die Prüfung gekommen ist, frag ich mich heute noch.

        Doch was ich eigentlich sagen wollte: In Heslach sieht aber auch alles gleich aus.😀

  15. max sagt:

    „Doch was ich eigentlich sagen wollte: In Heslach sieht aber auch alles gleich aus.“ ganz und gar nicht!

    vergleich mal den Habichtweg mit dem Sperberweg, dann merkste dass nicht alles gleich ist🙂

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