Knapp daneben ist auch vorbei

Vier Jahre lang hab ich es richtig gemacht: kein Pfefferspray in der Jackentasche, keine Axt unterm Sitz, nur viel Glaube an das Gute im Menschen und so hab ich überlebt. Meine etwas naive Einstellung: Gefahr ausblenden, dann passiert auch nichts.😉

Selbst nach dem damals noch ungeklärten „Taximord“ in Nürtingen bin ich weiter Nachtschicht gefahren, obwohl mich ungelogen jeder darauf angesprochen hat. Damit man auch bloß nicht aus Versehen eine entspannte Schicht fährt…

Ich hab auch schon Funkmeldungen à la „Polizei sucht bewaffneten Mann im Raum Rotebühlstraße“ am Bismarckplatz stehend ignoriert. Früher war ich definitiv cooler.

Mit meinem ersten Blogeintrag hier hab ich nun entweder schlagartig sämtliche Sensoren für a) nur blödes Geschwätz, b) betrunken und vorübergehend hirnlos oder c) tiefschwarzer³² Humor verloren. Oder ich fahre tatsächlich nur noch suspekte Typen mit Hang zum Kapitalverbrechen.

Der Erste dieses Wochenende war im Nachhinein relativ harmlos, aber, wie sagt der Laie, ein „Psycho“. Da hab ich dann doch lieber die einfältigen aggressiven Dummschwätzer, die kann man wenigstens einigermaßen einschätzen.

Aber wer bei mir einsteigt und sofort mit morbider Faszination alles über die Taxiverbrechen vom Bodensee erzählt, ist mir verständlicherweise etwas unsympathisch. Und wenn es dann noch in eine verlassene Straße geht, derjenige sein Portemonnaie schon in der Hand hat und trotzdem noch zur Tür gewandt hektisch in seiner Jacke rumsucht, umso mehr.

Der Zweite war noch ’ne Ecke gruseliger: Abholung an einer Kneipe in Gablenberg, eine Frau und zwei Männer. An der Geroksruhe stieg das Pärchen aus, zurück blieb mein Beifahrer, der nach Wangen wollte. Und dies unbedingt über die Waldebene Ost bzw. Wangener Höhe:

Der linke Kringel ist ungefähr die Geroksruhe, rechts oben das grobe Zielgebiet.

Will heißen: Unbefestigte Straßen, später Weinberge, jedoch erst mal viel Wald und sonst nichts. Aber auch zweifellos die kürzeste Strecke nach Wangen.

Als wir gerade mitten im Nirgendwo sind, fragt er mich, warum ich nicht angeschnallt bin. Mein Lieblingsthema mit einem männlichen Fahrgast tief im Wald.

Ich erkläre ausweichend, dass wir uns ja bekanntermaßen nicht anschnallen müssen, wenn wir besetzt sind, was schon allein deshalb ungemein praktisch ist, weil man bei älteren Fahrgästen oder beim Ausladen von Gepäck einfach kurz raus- und wieder reinspringen kann und dabei nicht ständig das Gurtgefummel hat.

„Und natürlich auch im Falle eines Überfalls“,

fügt er hinzu.

Ich, möglichst cool:

„Joa, klar, das auch…“

Er daraufhin:

„Gut, mitten in der Stadt ist das natürlich ein Argument, aber mal angenommen hier: Wo würdest Du denn schon hinrennen wollen?“

Ich versuche ein Pokerface und hülle mich in Schweigen. Nicht die beste Idee, aber zweifellos besser als loszuheulen und um mein Leben zu betteln.😉

„Davon abgesehen glaubst Du ja wohl nicht, dass Du wirklich schneller wärst als ich“,

lacht er arrogant.

Ich denke an meine vier Leichtathletik-Tennis-Basketball-peinlicher-Treppensturz-Bänderrisse und muss ihm zustimmen. Sage ich natürlich nicht und gebe stattdessen Gas. Irgendwann waren wir dann auch in Wangen und er stieg aus, als wäre nichts gewesen.

Kann das mal wieder aufhören? So macht’s echt keinen Spaß.😦

15 Antworten zu Knapp daneben ist auch vorbei

  1. Manche Menschen sind einfach Sadisten.

  2. puzzle sagt:

    darf man hier eigentlich „Ar…lo..“ schreiben? das war eins.

  3. Dennis sagt:

    Grimmiger und schwarzer Humor, schön und gut. Aber ich finde, als halbwegs zivilisiertes Wesen muss man irgendwann merken, dass eine Grenze überschritten wurde, und dann sollte man auch einfach mal die Fresse halten, oder von der Briefmarkensammlung erzählen. Ich hatte als Funkkraft auch schon eine heikle Situation, wo ich in meinen Privatwagen gesprungen und mit der Maßgabe: „Die StvO ist eine Partitour, die zum klingen gebracht werden will“ erstmal der Fahrerin hinterhergefahren bin, die einen Ortsbekannten Choleriker, der gerne auch mal „zutraulich“ wird in betrunkenem Zustand nach Hause fahren musste, und plötzlich einen schönen Umweg durch ein Waldgebiet fahren musste. Passiert ist da auch nix, allerdings auch nur, weil plötzlich drei Autos um das „Taxi“ (genaugenommen ein Mietwagenunternehmen) standen.😦 Das macht dann echt keinen Spaß

    • Mia sagt:

      Ouh, das ist auch nicht schön. Gut, dass sie wenigstens was signalisieren konnte.

      Ich befürchte eben, dass ich, wenn ich einmal damit anfange, Alarm zu schlagen, bei jedem komischen Typen Panik schiebe – und das ist auf Dauer für meine „Retter“ dann auch ein bisschen doof, wenn nicht mal was passiert.😉

      Ich hoffe mal, jetzt ist für ’ne Weile wieder Ruhe im Karton. Soll ja auch noch normale Menschen geben.

  4. Dennis sagt:

    Nur ein übles Gerücht, dass die „Vereinigung unauffälliger Serienmörder“ in die Welt gesetzt hat. P.S.: You’ve got Mail.😉

  5. The Bruteforcer sagt:

    Ich glaub, mir wär da an deiner Stelle auch unwohl bei geworden, aber so als Leser find ich das dann doch recht witzig; klar, kommt auf den Typen an.
    Seine letzte Antwort hätte er aber wirklich harmloser und netter formulieren sollen oder wenigstens noch ein harmloses Thema ansprechen können.

  6. Kommentator sagt:

    Was ist mit eindeutigen „Gegenansagen“ und „Gegenanspielungen“?
    Zum Beispiel (in loser Reihenfolge):
    1. In ländlichen Gegenden sind gemeinsame Wege von Mobiltelefonen (Fahrerin und Fahr“gast“) besonders gut nachvollziehbar?
    2. Die Zentrale weiß Bescheid Abfahrt und Ziel der aufgenommenen, abgesetzten und noch an Bord befindlichen Fahr“gäste“?
    3. Die Bordkamera/der Bordfunk zeichnen alles auf?
    4. Einfach mal eine finstere Strecke verweigern? Wem das nicht passt, „darf“ aussteigen und ein neues Taxi suchen?
    Was war das nur für ein A….? Hilft es der Polizei, wenn Du Deine Geschichte erzählst, zum Beispiel bei der Aufklärung von Gewalttaten in der Gegend?
    Liebe Taxifahrerin: Bitte pass auf Dich auf, ich drücke alle Daumen, dass alles nur ein Job ist. Und bleibt.

  7. talkletts3033 sagt:

    Moin, moin. Hättest ja sagen können, du stehst nur auf leichte Mädchen und da brauche er keine Angst haben. Oder, sein Gurt läßt sich so und so nur öffnen, wenn du den „Schalter“ betätigst. Dann wird er schon ruhig. Den Spiess umdrehen. Allzeit gute Fahrt. ciao

  8. erik sagt:

    Idiot! Solche Typen kotzen mich an.

    Wie wäre es damit, anstelle einer Antwort einfach kommentarlos den Funk einzuschalten und ganz ruhig und ungerührt durchzugeben: „Zentrale, ich bin hier gerade [genaue Ortsangabe] und mein Fahrgast möchte gerne wissen, ob ich ich es schaffe, ihm davon zu laufen.“ Dann wird er sich beeilen zu versichern, dass das natürlich alles nur Spass war und er das doch nicht ernst gemeint hat.

    Also das machen, was man allen (Mobbing-)Opfern rät: nicht still sein und alles schlucken, sondern laut schreien, andere darauf aufmerksam machen, den Angreifer in seine Schranken verweisen („Nein, ich will das nicht!“) – einfach zeigen, dass man kein leichtes Opfer ist, sondern sich zu wehren weiß.

    Denn ernsthaft: was der Typ da gemacht hat, erfüllt meines Erachtens bereits einen Straftatbestand (weiß nur gerade nicht welcher). Im Büro von Kollegen musst du dir das nicht gefallen lassen, im Taxi schon mal gar nicht.

  9. MacSpi sagt:

    „Einfach mal eine finstere Strecke verweigern? Wem das nicht passt, „darf“ aussteigen und ein neues Taxi suchen?“

    Schon mal was von Beförderungspflicht und kürzestem Weg gehört?

    • Seismo sagt:

      Ich weiss ja nicht wie das in .de gehandhabt wird, aber bei uns in .at darf der Fahrer eine Fahrt ablehnen bzw. abbrechen wenn er bei einem Fahrziel oder einer Fahrstrecke (natürlich auch beim Fahrgast) Zweifel bezüglich der Sicherheit hat. Ich kann mir nicht vorstellen dass das bei euch so anders ist.

  10. Mia sagt:

    @ Kommentator: Danke für die vielen Tipps. Eine Kamera erwähne ich mitunter schon mal, wird vielleicht langsam Zeit für ’ne Attrappe. Außerdem beruhigend, dass uns unsere Zentrale jederzeit orten kann, auch wenn das Funkgerät selbst aus ist.

    @ erik: Das mit dem Funk wäre ansich eine gute Idee, nur braucht die Zentrale schon mal zwei Minuten, bis sie auf eine Anfrage reagiert, da kann man nicht einfach drauf losquatschen. Und wenn ich erst mal anfange, hektisch am Funk rumzutippen, ist das schon ein deutliches „Jetzt oder nie“-Signal für jemanden, der wirklich was Böses im Sinn hat. Dann lieber so tun, als wäre man komplett unbeeindruckt. Ist aber schwierig, das alles richtig einzuschätzen, wenn man in der Situation steckt.

    @ MacSpi: Ach, wenn mich ’ne ganz finstere Gestalt mitten in der Nacht aus unerfindlichen Gründen in verlassene Weinberge lotsen will und ich dabei ein obermieses Bauchgefühl entwickle, würde ich mich durchaus querstellen und ihn kurzerhand zum nächsten Taxiplatz bringen. Oder eben ’nen weniger brisanten Umweg vorschlagen und Rabatt gewähren – und auf die Reaktion warten. Man muss auch nicht jedes Risiko eingehen, zumal als Frau, im Zweifelsfall würde ich mich da schon lieber den möglichen Konsequenzen stellen als auf Teufel-komm-raus der Beförderungspflicht nachgehen.

  11. MsTaxi sagt:

    @MacSpi

    Sicher beherzigenswerte Pflichten, aber bei Würdigung der Gesamtsituation, wie sie Mia beschreibt, kann man nur sagen, eine Beschwerde wegen Verletzung der Beförderungspflicht hätte wenig Sinn auf Erfolg … und wenn sich ein Vollpfosten mitten im Wald benimmt wie der letzte Psychopath für Arme, darf er sich nicht wundern, wenn er dann heimlaufen (und sich dabei gruseln) darf. Es gibt auch so etwas wie psychischen Missbrauch, da muss es kein Gegrabsche sein, was frau stört.

    @Mia

    Ich fahr auch ohne Pfefferspray o.ä. durch die Nacht, wenn ein Drecksack was Übles will, lässt er sich meiner Meinung nach nur durch Ausstrahlung von „Ich hab hier das Sagen“ irritieren, wenn überhaupt.

    Und guten Mutes sein, die aller-aller-allerwenigsten Kunden sind staatliche lizensierte Serienstraftäter oder Sittenstrolche. So ein Typ wie der von dir beschriebene ist doch nur ein armes Neurotikerwürstchen, das sich allenfalls daran aufgeilte, dass er eine Frau erschrecken konnte.

    Und immer dran denken: Im klassischen Frauenberuf „Schlecker-Kassiererin“ hast du, statistisch gesehen, nahezu die Garantie, in deinem Arbeitsleben mindestens einmal überfallen zu werden, dagegen geht es uns Taxifahrerinnen doch Gold.

    Good Lucks

  12. sachma sagt:

    Lebst du noch, hast du Urlaub oder warum hört man von Dir nix mehr?

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