Routine erwünscht

Seit jeher ist der Taxiplatz in Sillenbuch mein Lieblingsplatz. Wenn ich morgens meine Schicht beginne, fange ich fast immer dort an. Und deshalb gibt es in Sillenbuch für mich auch wie nirgendwo sonst die meisten Stammfahrgäste.

So zum Beispiel ein sehr betagtes Ehepaar, das ich, wenn ich Tagschicht habe, seit Jahren regelmäßig zum Mittagessen ins nahe gelegene Restaurant fahre. Manchmal hole ich sie auch ab, oder ich fahre sie sogar hin und zurück. Und das bei ganz viel „Glück“ gleich an beiden Tagen in Folge.

Ich gebe zu, ich stöhne jedes Mal auf, wenn es mich trifft, denn: Das Einsteigen zieht sich hin. Sie wartet an der Tür, jedes Mal in panischer Sorge, ich könnte versehentlich am Haus vorbeifahren. Nur widerwillig lässt sie sich von mir stützen und klagt dabei vorwurfsvoll:

„Es tut so weh, mir tut alles weh…“.

Er wackelt unsicher neben uns her. Sie weist mich herrisch an, ihre bevorzugte Route zu fahren, die ich natürlich schon kenne, trotzdem lotst sie mich jedes Mal aufs Neue. Er sitzt mit ihrer Tasche auf dem Schoß auf dem Rücksitz und braucht nach Ankunft mindestens zwei Minuten, um das Portemonnaie zu zücken. Beim Aussteigen weiß ich nicht, wem ich zuerst helfen soll. Sie nimmt mir die Entscheidung meistens ab:

„Helfen Sie doch mir“, fährt sie mich an, „und nicht meinem Mann!“,

der zeitgleich fast aus dem Taxi kippt. Beide erkennen mich seit Jahren nicht wieder, obwohl ich sie fast jede Woche fahre.

Heute bekomme ich wieder jene Adresse aufs Display, stöhne auf und fahre los. Doch dieses Mal ist es anders. Eine junge Frau wartet an ihrer Stelle an der Tür. Er braucht inzwischen eine Gehhilfe, schiebt den Rollator aber erstaunlich energisch, fast schon trotzig, vor sich her durch die Einfahrt.

„Zum Marienhospital.“

Unterwegs sprechen wir nicht. Auf halber Strecke sagt er unvermittelt und mit mühevoll fröhlicher Stimme:

„Na, dann fragen wir heute mal den Doktor, wann die Omi wieder nach Hause kann, nicht?“

Seine Enkelin starrt aus dem Fenster. Die Stimmung ist bedrückend.

Als wir ankommen, braucht er eine kleine Ewigkeit, um zu bezahlen. Seine Enkelin steigt schon aus. Er streichelt plötzlich meine Hand und ich frage mich, ob er vielleicht doch weiß, wer ich bin. Er betrachtet den Strauß roter Rosen auf seinem Schoß, als er sagt:

„Sie kommt nicht mehr nach Hause. Ich fühle es.“

Ich will etwas erwidern, aber mir fällt nichts ein. Vielleicht: Ich würde Sie und Ihre Frau gerne noch viele Male zum Mittagessen fahren. Ich hoffe es jedenfalls sehr.

11 Antworten zu Routine erwünscht

  1. Und es geht sogar über hunderte von Kilometern einfach nahe. Danke für’s Teilen!

  2. *schluck* Dieses Gefühl kenne ich zu gut. So erging es mir auch bei manchen Bewohner im Altenheim.

  3. MsTaxi sagt:

    Ich muss da ganz spontan an die Strahlenpatientin denken, die ich letztes Jahr gefahren habe. Über 80, ging zwar am Stock, aber sonst recht fit, vor allem im Kopf klar wie eine Glocke, Taxi fuhr sie zur Bestrahlung nur, weil man ihr davon abgeraten hatte, im eigenen Auto… nach der Bestrahlung schlief sie regelmäßig im Taxi ein, merkte ich immer daran, dass das Gespräch so plötzlich versiegte … und vier Monate nach der Bestrahlung bat man dann von Kränzen „zugunsten…“ abzusehen.

    Das Leben kann manchmal ein fieses Spiel sein.😦

  4. sharlih sagt:

    MsTaxi@
    So eine Oma hatte ich auch mal als Fahrgast. Nachdem die Bestrahlungen vorbei waren und ich sie nicht mehr sah,Ich dachte oft an sie, ich mochte sie einfach. Bis ich in der Zeitung die Todesanzeige lesen konnte. Ich sage ehrlich,nach zwanzig Jahren Nachtschicht ist einen nichts mehr fremd, mir liefen die Tränen aus den Augen.

  5. Kommentator sagt:

    Tief durchatmen…
    Zeitmaschine: Sieh die älteren Menschen und sieh die alten Menschen – und Du siehst Dich.

    Torsten sagte es schon: Danke für’s Teilen.

  6. nadar sagt:

    Danke.

  7. ednong sagt:

    Ja, das Leben hat halt nicht nur einen Anfang. Es hat auch ein Ende. Und manchmal, da taucht dieses Ende wie ein Wasserfall ganz überraschend auf. Einfach so.

    Man kann einfach nur hoffen, dass man selbst dann nicht leidet. Traurig ist und bleibt es dennoch.

  8. Carlos sagt:

    Auch von mir ein herzliches Danke für die Geschichte. Schluck.

  9. Enno sagt:

    Eine sehr schöne und nahe gehende Geschichte. Den meisten Menschen ist im Alltag gar nicht bewusst, dass jeder irgendwann stirbt. Oftmals lebt man ja mit einer Art Gefühl, dass man immer noch genug Zeit hat xyz zu erledigen, aber das es nun mal nicht immer der Fall ist wird einem erst durch den Verlust bewusst.

    Irgendwie musste ich als ich den Text las am Ende an ein Zitat von Samuel Butler denken.

    Für sich selbst ist jeder unsterblich; er mag wissen, dass er sterben muss, aber er kann nie wissen, dass er tot ist.

  10. Marco sagt:

    Eine Geschichte die wirklich nahe geht…

    Mir fällt auch nichts weiter ein.

  11. Sehr interessant zu lesen. So schnell können sich nervige Sachen ändern..

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