Bloody Sunday

Sämtliche Krankenhäuser und die Sonderzufahrten zu den Notaufnahmen habe ich anno dazumal nur aus einem Grund auswendig gelernt: Schwangere! Alles andere ist nicht dringend genug, als dass man nicht erst das Navi anwerfen könnte, und der Rest soll gefälligst den Krankenwagen nehmen. Soweit mein Plan.

Zwar würde ich mich nach außen hin bemühen, Mutter und Kind noch ineinander vereint in die Klinik zu bringen, aber insgeheim doch immer darauf spekulieren, dass das Baby schneller ist als ich fahren kann. Denn es gibt wohl kaum eine coolere Geschichte für einen Taxifahrer als die, wie er in seiner Droschke einem Kind geholfen hat, das Licht der Welt zu erblicken.

Leider hat es in fünf Jahren noch keine kurz vor der Entbindung stehende Frau zu mir ins Taxi geschafft. Dafür heute mal ein anderer Notfall, der aber erst relativ harmlos begann:

Abholen sollte ich in Stuttgart-Ost. Zwei Männer, einer jung und unversehrt, der andere fortgeschrittenen Alters mit einer Hand in dunkelrot eingefärbten Handtüchern, steigen ein.

„Jo, dann mal zum Marienhospital, ne?“

Über meinen Einwand, aufgrund der rasch fortschreitenden Einfärbung der vormals weißen Tücher doch lieber das Karl-Olga-Krankenhaus in unmittelbarer Nähe aufzusuchen, ging er lässig hinweg:

„Nö, ist ja nur ein ganz kleiner Schnitt, das hört schon wieder auf zu bluten. Und es tut auch gar nicht weh!“

Das aus dem Munde eines Mannes, harhar!😀

Unterwegs erzählt er, er habe sich vor vier Stunden an einem kaputten Glas geschnitten, daraufhin ein paar Schnäpse getrunken um den Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen (ah ja…), aber es höre einfach nicht auf zu bluten. Zu allem Überfluss nehme er auch noch blutverdünnende Tabletten. Aber es sei ja wirklich nur ein ganz kleiner Schnitt.

Zum Beweis schlägt er das Handtuch auf und mir spritzen unkontrollierte Blutfontänen entgegen. Er war sichtlich schockiert, ich konnte mich bei einem solchen Schauspiel auch nur noch bedingt auf die Straße konzentrieren, also halte ich mit imaginärem Blaulicht mitten auf der Straße an, renne zum Kofferraum und wickle seine Hand – das Blut spritzt indes in hohem Bogen auf sein Hemd, seine Hose, mein Armaturenbrett, meine Stoffsitze – hilfsweise in zwei Rollen Küchenpapier, und rase danach mit Überschallgeschwindigkeit zur Notaufnahme.

Vor lauter Aufregung und Aktivität ist mir nicht mal flau geworden (Stolz!), aber als ich dann später an der Tankstelle stehe und mit kaltem Wasser versuche, die Überreste des Massakers aus meinem Taxi zu entfernen, bin ich wieder ganz Mädchen und nehme dankbar die Hilfe des Tankwarts an, der sich, glaube ich, so ein bisschen als Held fühlt, wie er da minutenlang mein Taxi vom Blut befreit.

Meinen Wunschtraum von der Taxigeburt werde ich wohl mal überdenken. Ist bestimmt eine noch größere Sauerei.😀

15 Antworten zu Bloody Sunday

  1. puzzle sagt:

    Herzlichen Glückwunsch – zu wissen, was man im zweifelsfall aushält, ist schon was für’s Leben. Geburt ist weniger Sauerei, also immer schön zuversichtlich bleiben.

  2. Wenn eine Schwangere kurz vor der Entbindung bei dir im Auto sitzt, dann sei einfach nur spontan und cool – so wie der Taxifahrer von meiner Holden und mir bei der Geburt unseres ersten Kindes. „Das dauert noch, die braucht noch. Die flucht noch nicht genug. Wenn sie wüssen, was meine Frau mir alles an den Kopf geworfen hat als es losging, ha, die hier braucht noch!“😀

  3. birgitrie sagt:

    hab deinen blog gerade entdeckt. gefällt mir🙂
    lg birgitrie
    http://birgitrie.wordpress.com/

  4. MsTaxi sagt:

    Grundsätzlich werden bei uns in der Stadt blutende Personen nicht mit dem Taxi transportiert, da müssen die Johanniter ran. Grund sind nicht nur die Säuberungsschwierigkeiten, sondern auch hygienische Bedenken (ich sag nur Hepatitis-Gefahr).

    Ähnliches gilt auch für Schwangere in den Wehen. Meine Scheffin hat mir zur Auflage gemacht, solchen potentiellen Kundinnen einen Rettungswagen zu rufen und vor Ort erste Hilfe zu leisten und sie nicht mit dem Taxi zu transportieren. Sie meinte, die Publicity im Stadtblättchen wiege die Kosten für die Desinfektion des Wagens nicht auf. Sie stand mal kurz vor der Situation, im tiefsten Schneesturm einer Schwangeren Geburtshilfe leisten zu müssen und lehnt seitdem solche „Gefährdungslagen“ ab… nicht weil sie sich da hilflos gefühlt haben würde, sie hatte da zu dem Zeitpunkt selbst schon zwei Kinder zur Welt gebracht, sondern eben aus allgemeinen Betriebsgründen🙂

    • Mia sagt:

      Ich kann mir sowieso nicht erklären, warum man sich kurz vor der Geburt noch ein Taxi ruft und nicht gleich den RTW. Wäre mir viel zu riskant, außerdem weiß man ja nie, was für einen Taxifahrer man kriegt.😀

      Gefahren hätte ich „meinen“ Notfall sicher auch nicht, wenn ich gewusst hätte, wie das endet… Aber mei, schon zu spät.😉

      • im siebten Monat ... sagt:

        Kurz vor der Geburt ist schwer zu definieren …. laut Geburtsvorbereitungskurs kann man alle 5 Minuten Wehen haben und trotzdem noch 12 Stunden brauchen. Das man aber wie im Film das Kind im Taxi zur Welt bekommt, ist wohl eher sehr selten.

        Wenn nicht besondere Umstände vorliegen (darüber wird man vom Frauenarzt aufgeklärt) kann man durchaus in einem normalen PKW zur Klinik gefahren werden. Und wenn mein Mann da grad nicht greifbar sein sollte, werde ich mir natürlich auch ein Taxi nehmen. Nur selber fahren ist wohl keine gute Idee🙂

      • Wolfram sagt:

        Da ist man in Frankreich gut dran; grad auf dem Land liegen Taxi und Krankentransport (ein RTW muß es nun wirklich nicht sein, wenn die Geburt nicht schon ziemlich fortgeschritten ist) oft bei der gleichen Firma.
        Und weil nur die weißen Autos mit dem blauen Stern von der Kasse bezahlt werden, auch für Fahrten zur Strahlentherapie etc., haben sie eben ein paar davon. Und das schwarze oder silberne Taxi fährt nur gesunde Leute, oft mit demselben Fahrer.

  5. Dennis M. sagt:

    Schöne U2-Reverenz im Titel, übrigens.🙂

  6. sven sagt:

    Stoffsitze? Sowas gibts bei Taxis tatsächlich? ich dachte die haben alle Ledersitze…

  7. malenki sagt:

    Mei, ein künstlicher Bluter, der sich nach einem nicht trivialen Schnitt noch vier Stunden lang bisschen betrinkt, sollte nach dem Krankenhaus mal zum Nervenarzt.

    @sven: lies mal bisschen rückwärts

  8. zbynev sagt:

    Hmm… was kommt denn dann, wenn es doch passiert, als Geburtsort in die Urkunde, das Kennzeichen, die Konzessionsnummer oder einfach nur „Taxi, Rücksitz, links“?🙂

    • Johannes sagt:

      Na, bei Mia vermutlich „Stuttgart“. Näher bezeichnet wird das ja nur, wenn der genaue Ort fraglich ist. Es gibt einen Menschen, dem wollte das Standesamt „Auf der Fahrt zwischen Jena und Sulzbach-Rosenberg“ (immerhin 200 km Strecke) auf die Urkunde schreiben – eben weil der genaue Geburtsort offenbar nicht ganz klar war (http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,415551,00.html).

      In der Bahn lautet die Angabe „Strecke zwischen A und B, Kilometer xy“. Im Flugzeug ist es noch wilder, weil da der Geburtsort oft über die Staatsbürgerschaft des Kindes entscheidet.

      • Mario sagt:

        kommt auf die eltern drauf an.. beispiel: kind kommt in österreich auf die welt, mutter deutsch.. -> kind deutsch

  9. Interessant finde ich deine Erzählung allermal. So eine Geschichte hört man ja nicht jeden Tag. Ich freue mich schon auf deine nächste Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: