Blinken wäre gut

Was ich immer wieder mit Verwunderung feststelle: Taxifahrer und ihre „skills“ im Straßenverkehr werden vom Otto-Normal-Bürger mit Leidenschaft und Akribie unter die Lupe genommen. Nichts gibt einem Laien offenbar mehr Genugtuung, als einen Berufsfahrer bei jeder sich bietenden Gelegenheit zurechtzuweisen. Und wenn der das Publikum in Form von Fahrgästen gleich mitbringt, umso besser.

Ergänzend zum üblichen

„Und sowas wird Taxifahrer!“

empfiehlt sich bei mir noch

„Frauen am Steuer…“.

„Und dann auch noch blond!“

gilt neuerdings jedoch nicht mehr. Ein Klischee weniger, immerhin.

Richtig blöd habe ich mich in aller Öffentlichkeit zum Glück aber noch nicht angestellt. Einzig vor dem von Rauchern und Sonnenanbetern hoch frequentierten Haupteingang des Klinikums Böblingen-Sindelfingen habe ich mal kurz peinlicherweise in Erwägung gezogen, mich in eine Parklücke zu quetschen, die bei genauerem Hinsehen keine enge Parklücke war, sondern der großzügige Zwischenraum zweier parkender Autos auf einem Behindertenparkplatz. Beim Ausholen gerade noch rechtzeitig bemerkt und, als wäre nichts gewesen, scheinheilig die Kurve gekratzt. Auch auf einen Poller fahre ich (trotz Rückwärtsgangkamera…) lieber nachts in aller Einsamkeit.

Ansonsten bewege ich mich doch relativ sicher auf den Straßen und kenne zudem auch die ein oder andere knifflige Stelle in Stuttgart besser als diejenigen, die sich am Sonntag im Nachhinein wohl selbstgerecht auf die Schulter geklopft haben, weil sie der unfähigen Taxifahrerin gezeigt haben, wo der Frosch die Locken hat.

Ich leiste mal ein bisschen Aufklärungsarbeit:

1. Die Planie ist kein Kreisverkehr

Eine meiner überschaubaren Charakterschwächen ist der Zwang, meine Macht zu  demonstrieren, wenn Nicht-Taxis auf Taxiplätzen stehen. Was gar nicht geht: ein Nicht-Taxi an der Stelle, wo eigentlich das erste Taxi am Platz stehen sollte. Und was noch weniger geht: dies länger als eine Minute mit einem Taxi im Rückspiegel.

Als ich gerade so dabei war, den Übeltäter vom Taxiplatz Planie zu verjagen, hab ich auch gleich mal darauf hingewiesen, dass im gesamten Bereich keine Fahrzeuge außer Bussen und Taxis erlaubt sind. Kleinkariert und auch ein bisschen ätzend, aber hey, wenn ich alt bin, werde ich nur nörgeln und irgendwann muss ich schließlich mal damit anfangen. Er zog mürrisch von dannen und hielt nunmehr halb auf dem Zebrastreifen, halb auf der Fahrbahn außerhalb der privilegierten Zone. Kurz darauf bekam ich Kundschaft und startete in Richtung Charlottenplatz, als er seine Chance auf Revanche witterte, spontan das Steuer herumriss und sie sich zum Zwecke meiner Ausbremsung im „Kreisverkehr“ wohl nicht nehmen lassen wollte, die Vorfahrt. Zu dumm, dass er keine hatte.

Den selbstgerechten Blick hätte ich zu gerne als die stumme Bitte

„Fahr mir in die Beifahrerseite“

interpretiert, aber ich hatte ja einen Fahrgast. (Na gut, das war nicht der einzige Hinderungsgrund). Ansonsten eine echt gute Stelle für Versicherungsbetrug und so.

2. Kreuzung U-Bahn-Station Payerstraße

Die allgemeine Verwirrung kann ich zwar nicht verstehen, da die Ampelpfeile für mein Empfinden logischer nicht sein könnten…

… aber nachdem ich dort selbst schon einen Streifenwagen (freilich ohne Blaulicht) in aller Seelenruhe über rot habe fahren sehen, scheint das doch alles nicht so einfach zu sein.

Wie so oft fahre ich auch diesmal eine meiner Stammkundinnen und wir sind, auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel wartend, ins Gespräch vertieft, als plötzlich hinter uns gehupt, gehuuuuuupt, gehuphuphupt, wild gestikuliert, zurückgesetzt, links vorbeigezogen und rechts über rot gefahren wird – mich dabei mit Blicken tötend. Zwei andere Autos folgen. Wenigstens meine Fahrgästin war auf meiner Seite und hielt mich zum Glück nicht für den dunkelsten Stern am Himmelszelt. Selig sind die geistig Armen.

3. Krankenhaus Ruit

Da ich relativ oft auf den Fildern unterwegs bin, bleibt es natürlich nicht aus, dass man hin und wieder mal ins feindliche Territorium Esslingen ausschwärmt. So auch dieses Mal. Am Ziel angekommen konnte sich meine Fahrgästin nicht so recht entscheiden, wo sie genau aussteigen möchte und da sich gerade kein Auto hinter mir befand, bin ich erst mal langsam die Straße entlang gerollt. Im Gegenverkehr schien Fahrerin samt Fahrzeug ähnlich unentschlossen, hat mich aber erst mal nicht tangiert. Etwa auf meiner Höhe macht die Fahrerin jedoch plötzlich auf sich aufmerksam und wirft mir ein augenrollendes

„Blinken wäre gut! Wohl ein bisschen überfordert…“

an den Kopf und braust davon.

Pah! Warum hauen die immer gleich alle ab? Dabei bin ich doch mehr der Ausdiskutierer! Dann hätte sie nämlich auch gemerkt, dass meiner eingeschlagenen Richtung kein freier Willen zugrunde lag, sondern ich schlicht den Verkehrsregeln gefolgt bin:

(Kunst mit „mangelhaft“ abgewählt, danke.)

So. Und wenn mich in nächster Zeit wieder jemand dumm von der Seite anmacht, werde ich Zuhause Pappschilder basteln, die ich im passenden Moment aus dem Fenster halten kann. Zum Beispiel:

„Das war DEINE Schuld und nur dank MEINEN Fahrkünsten hat’s jetzt nicht geknallt!“

oder

„Hier sind 70 erlaubt und ich fahr‘ schon 100. Was ist Dein Problem, Du Spaten?“

 oder

„Bitte fahren Sie nur an Sonntagen. Da finden Sie viele Gleichgesinnte.“

oder

„Weniger quatschen, mehr Gas geben.“

oder eben der Klassiker:

„Wenn man keine Ahnung hat…“

Eignet sich wohl am besten für alle Dummschwätzer, bei meinen anderen Mitteilungsbedürfnissen wäre die Schrift sowieso viel zu klein, dabei hätte ich doch sooo viel zu sagen! Zum Glück gibt es diesen Blog.😀

16 Antworten zu Blinken wäre gut

  1. Das Schlimme ist, dass diejenigen, die es angeht, es eh nicht verstehen würden. Da kannst Du Schilder schreiben, so viele du willst😉
    Ist manchmal schon echt erbärmlich, was sich so auf deutschen Straßen rum treibt und man kann froh sein, dass nicht öfter etwas passiert.
    Heute z.B. wieder gleich 2 Mercedes-Fahrer gesehen, die dem Klischee alle Ehre gemacht haben. Dicke Autos fahren und mit den einfachsten Parklücken schon hoffnungslos überfordert und minutenlang bzw mehrere Ampelphasen lang den Verkehr behindern🙂

  2. MsTaxi sagt:

    Ich hab ein noch besseres Feindbild als MB-Fahrer … Frauen im SUV! Boah ey, da krich isch Plack.

    Ich bin ja schon generell der Meinung, Leute sollten nur Autos fahren, die sie beherrschen können und nicht nur die, für die sie sich verschulden müssen, aber Frauen im SUV sind das letzte. Müssen sie aber haben, weil sie ja die Kinder aus der Wildnis der Vorstadt in die Zivilisation der Innenstadt zum Ballettunterricht oder zur Nachhilfe karren müssen. DIE sind es schuld, dass ich immer häufiger zum Frisör muss, graue Haare überfärben lassen, jawoll!!

    • Mia sagt:

      Du sagst es, Schwester!😉 Die „Blinken wäre gut“-Tussi war übrigens auch so eine: klein und verhuscht und kaum übers Lenkrad gucken können, aber ’nen X5 fahren müssen.

  3. Martin Sp. sagt:

    Mach dir nix draus. Sei froh dass du als Frau offensichtlich nicht die Standardreaktion von solchen Verkehrsrüpeln erntest: den Stinkefinger.

  4. Ich hätte so gerne einen Raketenwerfer im Wagen. Das würde schnell für klare Fronten sorgen und einen bleibenden Effekt haben.😀

    Wäre das auch nicht was für dich?

  5. Dirk sagt:

    Endlich wieder ein längerer, wunderbar zu lesender Artikel. Du hast mir gefehlt. |:)

  6. twin sagt:

    Ich hege ja da so einen Verdacht, das auf Grund der Gewichtsersparnis in großen Limousinen und SUV’s der Blinkerschalter einfach eingespart worden oder nur gegen Aufpreis zu erhalten ist!!

  7. Jo K. sagt:

    Hey Mia, dieser Blog und deine ‚Rueckkehr‘ sind der Grund, weshalb ich jetzt zum 01.12. nach Stuttgart ziehe😉 Ok, du weisst, dass das nicht so gaaaanz stimmt, aber ich finde es hoert sich gut an ^^ *g* Das mit dem Umzug stimmt aber und dann muss das endlich auch mal mit ‚unserer Fahrt‘ klappen🙂 Liebe Gruesse und danke fuer die Wochenenderheiterung hier =) … Jo

    • Mia sagt:

      Ja, das hört sich sehr gut an. Mein Blog bewegt Menschen, sozusagen.😉 Dann machen wir auf jeden Fall mal ’ne Stadtrundfahrt als Willkommensgeschenk!😀

      • Jo K. sagt:

        Respect fuer dieses kreative Wortspiel von dir😀 Und das Willkommensgeschenk nehm ich natuerlich liebend gerne an :-*🙂 … Wuensch dir (aber erstmal) ein schoenes Wochenende!!

  8. puzzle sagt:

    Ich fände die Pappschilder trotzdem klasse und würde sie zu gern in der Anwendung sehen. ^^

  9. Torsten sagt:

    Am liebsten sind mir die Fahrgäste die auf den hinteren Plätzen rummeckern „Hören Sie mal “ junger Mann“ ( bei junger Mann Bekomme sofort Blutdruck ) , hier ist aber nur 30 Erlaubt “ aber selber nicht Angeschnallt sind .
    Welcher Wochenendnachtschichtfahrer fährt Nachts in einer 30er Zone 30 km/ H wenn die Zentrale , guter alter Sprechfunk , am Trommeln ist ( wer ist frei ?? wer wird frei , habe fahrten offen !!
    Die Polizei hat Nachts andere Kundschaft und die Stadt macht nachts eh keine Radarkontrollen . Soll jetzt auch nhicht heißen das ich da mit 75 durchrase !!! …..

    • Bernd sagt:

      Ich les ja sonst nur still mit (Toller Blog übrigens😉 ), aber da muss ich doch glatt mal was schreiben🙂

      Ich fahre sehr selten Taxi und habe bis jetzt auch noch nie was gesagt wenn der Taxifahrer schneller als erlaubt (mehr als +10 km/h) gefahren ist, aber wohl fühle ich mich dabei auch nicht.
      Da geht es nicht um es ist nachts und wenig Verkehr, oder die Blitzen da eh nich. Mir geht es da dann um meine Sicherheit. Wenn doch plötzlich ein anderes Auto auftaucht können da 20 km/h mehr sicher schlimmere Folgen für die Gesundheit haben.

      • Mia sagt:

        Das erinnert mich an eine Taxifahrt vor Jahren, als mich der Taxifahrer fragte, ob ich was dagegen hätte, wenn er „ein bisschen Gas“ gibt. Nach fünf Minuten waren wir dann etwa 20 km weiter. Ich wurde so in den Sitz gedrückt, dass ich nicht mal sprechen konnte und nur noch verstört ausgestiegen bin.

        Mit Fahrgästen fahre ich eigentlich nie wesentlich zu schnell – eben aus dem von Dir angeführten Grunde. Da wird man ja seines Lebens nicht mehr froh, wenn wirklich mal was Schlimmes passiert…

      • MsTaxi sagt:

        @Bernd

        Hast vollkommen recht, kann viel ausmachen und die überhöhte Geschwindigkeit bringt innerorts eh‘ keine Vorteile.

        Und den Satz „Holen Sie auf der Autobahn alles aus der Kiste raus, was drin ist!“ hab ich nur einmal von einem Kunden gehört, es mir aber nicht zweimal sagen lassen. *breitgrins*
        Der Grund, den er dafür hatte, machte seine Bitte aber verständlich.

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