Vergiftet

„Bitte schnell ins Krankenhaus. Ich bin vergiftet.“

ächzt er mit leidvoller Miene und steigt hinter mir ein.

„Erst mal dürfen Sie sich gerne zu mir nach vorne setzen oder auch einfach durchrutschen, bitte.“

übergehe ich seine nicht alltägliche Ansage, aber Ordnung muss sein.

„Ich kann nicht, ich bin vergiftet!“

wiederholt er jammernd.

Ich lache nicht ganz so überzeugend und stecke ihn gedanklich in die Schublade potenzieller Kehlenaufschlitzer. Wer sich als einzelner Fahrgast trotz Aufforderung weigert den Platz hinter dem Fahrer zu verlassen, ist mir alles andere als geheuer. Während der Fahrt lasse ich ihn im Rückspiegel also keine zwei Sekunden aus den Augen.

Dort windet er sich und stöhnt vor sich hin, so wirklich lebensbedrohlich sah mir das Ganze aber nun nicht aus, wobei mir die typischen Vergiftungssymptome sowieso nicht geläufig sind, zugegeben. Auf mich wirkt er wie jeder andere Mann mit einem Wehwehchen: scheinbar kurz vor dem Exitus, aber noch lange nicht ernst zu nehmen.

Am Krankenhaus angekommen, rund zwanzig Meter vom Haupteingang entfernt, erwacht er aus seiner Trance und blickt verwirrt durch die Gegend. Bevor er noch in meinem Taxi verendet, will ich ihn loswerden, denke ich, also sage ich fröhlich:

„So, hier wären wir. Das macht dann bitte 8,50.“

Doch statt zu bezahlen, lässt er sich seitlich auf den Sitz kippen.

„Ich kann nicht aufstehen, ich bin vergiftet. Das hab ich Ihnen doch gesagt! Können Sie einen Arzt holen?!“

So langsam wird mir die Situation doch mulmig, also reagiere ich, wie es ein engagierter Ersthelfer nicht hätte besser machen können. Ich motze ihn an:

„Oh Mann, meinen Sie das jetzt ernst?! Warum rufen Sie dann ein Taxi und keinen Notarzt, verdammt noch mal?!“

Als ich gerade den Schlüssel abziehe und mich schon panisch in leeren, düsteren Krankenhausgängen „Wir brauchen sofort einen Arzt! Ist hier denn niemand?!?“ rufen sehe, kramt er einen Zehner aus seiner Jeans, steigt aus ohne auf das Wechselgeld zu warten und schwankt in Richtung Haupteingang.

Ich bleibe zurück, über meinem Kopf schweben tausend Fragezeichen. Als ich ihn nicht mehr sehen kann, entscheide ich mich für die Drei-Affen-Variante und fahre achselzuckend davon.

Bin mir immer noch nicht sicher, ob das nicht vielleicht ein spitzenmäßiger Sketch à la Comedy Street war und ich es nur nicht gerafft hab. Ich sollte mal mit meinem Humorberater sprechen. Falls ihr also demnächst eine begriffsstutzige, humorlose Taxifahrerin bei Pro7 sehen solltet, dann bin ich das wohl…

7 Antworten zu Vergiftet

  1. Ich habe das Ersthelfertraining ein kleinwenig anders in Erinnerung. Aber das kann ja auch am fortgeschrittenen Alter liegen, dass man die Dinge früher anders machte.😉

  2. Co-Driver sagt:

    Vermutlich meldet sich bald die ARD bei deiner Zentrale und bittet darum das Material für „Verstehen Sie Spaß“ zu verwenden…

  3. Zacki sagt:

    „Auf mich wirkt er wie jeder andere Mann mit einem Wehwehchen: scheinbar kurz vor dem Exitus, aber noch lange nicht ernst zu nehmen.“

    Frechheit…!

    Das kann man doch nicht so verallgemeinern. Wenn ich z.B. Krank bin, bin ich überhaupt nicht wehleidig. Ich will nur das man mich umsorgt, mich pflegt, tröstet, füttert usw. aber doch nicht wehleidig😉

  4. Curbis sagt:

    Tut mir leid, aber da bin ich von deiner Reaktion schon enttäuscht.

    Fragen, wie das passiert ist. -> damit lässt sich schon mal eher herausfinden, wie ernst es ist und entsprechend ein Notruf absetzen.

    Mit sowas ist nicht zu spaßen, und man sieht es den Leuten u.U. nicht an, dass sie wirklich was haben.

    Klare Reaktionen und Antworten solltest du von jemanden, der vergiftet sein könnte, auch nicht erwarten.

    Erste Hilfe immer Ernst nehmen, und wenn es 99x für die Katz ist, im 100sten Fall kann es ein Leben retten.

    • Mariha sagt:

      Und warum nehmen die Leute bei ihrem Notfall dann ein Taxi, statt sich einen Krankenwagen zu rufen? Warum fahren die Leute, nachdem sie sich beispielsweise Verbrennungen zweiten Grades zugezogen haben, mit dem eigenem PKW noch von Hannover bis kurz vor Hamburg, bestellen sich dann ne Droschke die sie ins Krankenhaus fahren soll, in die sie vor Schmerz kaum einsteigen können (Wie hat sie selber fahren können, habe ich mich gefragt?)

      Was hat der Taxifahrer von deiner Variante? Keinen Pfennig verdient, ne dreiviertel Stunde rumgestanden und sich dann wieder hintenanstellen dürfen, ganz toll.

      Ich denke, Mia kann sehr gut beurteilen was für eine Situation das war, wenn es ernst gewesen wäre, hätte sie 100 prozentig auch beim Rettungsdienst angerufen.
      Mehr als den Leuten zu sagen, dass es dafür Krankenwagen gibt, bei denen die Hilfe sogar gleich mitgebracht wird, die Telefonnummer ist auch kostenlos, können wir nicht.

    • Mia sagt:

      Man muss dazu sagen, dass das KH keine fünf Minuten entfernt war – schneller hätte ein RTW jetzt auch nicht vor Ort sein können, wenn ich da erst mal großartig rumgefragt und telefoniert hätte. Zumal wir am Ende schon direkt vor dem Eingang standen und da war ich ja dann durchaus gewillt reinzugehen.

      Wenn er es sich anders überlegt und geistig noch soweit auf der Höhe ist, passend zu bezahlen und auszusteigen, denke ich, wird’s so dramatisch nicht gewesen sein. Meiner Ersthelferpflicht bin ich ja allein schon durch meine Beförderungspflicht nachgekommen.😀

      Nee, im Ernst, was hätte ich denn sonst auch viel mehr machen sollen? Gegengift spritzen?

  5. analysed sagt:

    Das war sicher ein Freund meines Bruders – der ist Arzt mit grenzwertig-morbidem Humor und war sicherlich auf dem Weg zur Arbeit…

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