Den Abend hatte er sich anders vorgestellt.

Ich kurve gerade noch etwas unentschlossen in der Kronprinzstraße rum, als sich mir von rechts ein abgehetzt wirkender Winker nähert. Er hat schon viel durchgemacht an diesem Abend, wie ich später erfahren sollte.

„Hey, bist Du frei?“

„Klar.“

„Okay, cool. Kannst Du ganz kurz warten? Meine Freundin liegt dahinten.“

Der Moment, in dem ich hätte Gas geben sollen. Aber ich habe ein weiches Herz und der Kerl tut mir leid, also rolle ich in die angedeutete Richtung, um Madame den Weg vom Asphalt ins Auto so unkompliziert wie möglich zu gestalten. Sie liegt tatsächlich zusammengekrümmt auf dem Boden und als er sie mit größter Mühe auf die Beine zieht, wobei sie um ein Haar wieder auf die andere Seite überkippt, rutscht mir die zugegebenermaßen etwas dümmliche Frage raus:

„Ihr ist aber nicht schlecht, oder?“

Nein, es geht ihr natürlich gut und sie liegt nur aus Spaß auf dem kalten Steinboden.

Er, im Brustton der Überzeugung:

„Hey, keine Angst, die kotzt nie, ich schwör! Nie im Leben!“

Sie steht mittlerweile wie ein Häufchen Elend zitternd und heulend neben dem Auto und scheint sich seiner Worte nicht ganz so sicher zu sein.

„Sie ist nierenkrank“,

fügt er noch hinzu, um sicherzustellen, dass ich es mir nicht doch noch mal anders überlege. Und er hat es geschafft: eine Nierenkranke stehen zu lassen, bringe ich dann doch nicht. Also fügen wir uns alle unserem Schicksal und nachdem sie ihn ankeift, er solle gefälligst zuerst einsteigen, sonst lege sie sich wieder auf den Boden, fahren wir los – nach Ludwigsburg. Nicht dass ich etwas gegen größere Fahrten hätte, aber warum gehen die in den meisten Fällen mit den ungemütlichsten Fahrgästen einher?

Unterwegs herrscht Stille, einzig unterbrochen von ihrem permanenten Schniefen und Wimmern.

Dann startet sie ihren anklagenden Monolog:

„Ich muss in die D-Straße! Nummer 47! Haben Sie das? HABEN SIE DAS? Wie lange noch? Ich will sofort nach Hause. Ich gehe nicht mit zu Dir nach Hause. FASS MICH NICHT AN! Rede nie wieder mit mir, okay?“

Sie klingt erstaunlich bösartig. An seiner Stelle würde ich ihrem Wunsch Folge leisten.

„Fass mich nicht an, verdammt!“,

heult sie noch mal und kippt in derselben Sekunde links über auf seinen Schoß. Dann ist Ruhe.

Aber in ihm brodelt es. Er hat leider keinerlei Gespür für diese offensichtliche „Einfach mal die Klappe halten“-Situation und lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen:

„Was hab ich Dir denn getan?!“,

schreit er zurück.

„Ich hab Dir nichts getan! Du tust hier so, als hätte ich Dich vergewaltigt, ich mache doch gar nichts!“

Er wiederholt:

„Was hab ich Dir getan, verdammt?“

Ich denke: Was habe ICH getan, verdammt? Und warum ist hier nur Tempo 80?

Endlich am Ziel angekommen hat zumindest er sich scheinbar beruhigt.

„Ich zahle das, ich muss eh noch weiter, Du kannst aussteigen.“

„Nein, ICH zahle.“

„ICH zahle das, ich muss doch sowieso noch WEITERFAHREN! Steig aus jetzt!“

Er greift an ihr vorbei, öffnet die Tür und versucht sie aus dem Auto zu schieben.

Sie hängt mit dem Oberkörper im Freien und brüllt:

 „Also entweder schlage ich Dir jetzt die Fresse ein oder Du lässt mich meinen Scheiß selber zahlen!“

Er schubst sie beherzt weiter.

Ich formuliere in aller Herzensgüte die freundliche Bitte, sie doch – wenn irgend möglich – lieber nicht aus dem Auto zu stoßen, und erkundige mich außerdem wohlwollend nach seinem Geisteszustand. Den genauen Wortlaut möchte ich hier nicht wiedergeben, schön war es nicht. Aber es wirkt.

Sie zahlt und verschwindet, er fährt eine Ortschaft weiter.

Auf dem Weg dorthin erzählt er mir, dass es heute sein erstes Date mit ihr war.

„Und wohl auch das letzte…“,

fasse ich sachlich zusammen.

Meine Sorge um sein gebrochenes Herz ist allerdings unbegründet, denn sein Fazit fällt wie folgt aus:

„Ach, weißt Du, das ist mir alles egal. Mir rennen tausend Frauen hinterher. Ich weiß, ich sehe gut aus. Ich wurde sogar im ‚Kings Club‘ von irgendwelchen Typen angemacht, SO gut sehe ich aus! Ich wollte ihr nur eine Chance geben, aber das kann sie jetzt stecken. Es gibt nur eine Sache, die mich an der ganzen Sache nervt: dass ich’s mir jetzt heute Nacht selbst machen muss.“

Äh, ja. Männer.😐

3 Antworten zu Den Abend hatte er sich anders vorgestellt.

  1. Robert sagt:

    Haha noch mehr von diesen tollen Taxigeschichten!

  2. Holger sagt:

    Hallo Mia, schön das Du wieder da bist. Gruß Wattwurm aus dem DAS-Forum!

  3. zeilentiger sagt:

    Junge, Junge … Jetzt wo ich mal in den älteren Geschichten hier stöbere, muss ich echt sagen: Schade, dass es in den letzten Monaten nicht viel Neues gab.😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: