Ich sehe dumme Menschen!

26. Mai 2013

Bedenkt man, dass meine Fahrgäste nichts anderes als ein Querschnitt der Gesellschaft sind, sollte man erwarten, dass ich öfters an Arschlöcher gerate. Hielt sich bislang erstaunlicherweise in Grenzen, aber heute war mal wieder so eine Nacht…

Ich war jedenfalls schon von Anfang an nicht gerade begeistert, aber mich fragt ja keiner:

Erstens war ich bereits ganz gemütlich im heimatlichen Sektor für mein nahendes Schichtende unterwegs und auf maximal zwei, drei kurze Fahrten eingestellt.

Zweitens goss es in Strömen und an der Abholadresse gab es weder Hausnummer noch beschriftete Klingelschilder.

Und drittens verpestete mein werter Fahrgast, als er sich dann endlich mal zu erscheinen bequemte, die Luft im Taxi derart, als hätte er eine verweste Kanalratte bei sich getragen (und diese vor dem Aussteigen noch unter der Fußmatte versteckt – es war ab-ar-tig, und ich bin sonst echt nicht empfindlich).

Wenn man nun also plant, von Riedenberg nach Münster zu fahren, muss man wissen: diese beiden Stadtteile Stuttgarts könnten kaum weiter auseinander liegen. Dass man deshalb auch nicht binnen drei Minuten am Ziel ist, sollte zumindest theoretisch klar sein.

Auf der Hälfte der Strecke vernehme ich aber undeutliches Motzen von der Rückbank.

„Bitte?“

Er versucht wohl für einige Sekunden, seinen Unmut höflicher kundzutun. Erfolglos:

„Boah, wo kurven wir hier eigentlich die ganze Zeit rum? Sind wir jetzt endlich mal da?!“

Na, was soll man dazu großartig sagen? „Such Dir halt ein näheres Fahrziel aus“?! Hirni.

Qualvoll lange zehn Minuten später, endlich am Ziel:

„Also ich weiß ja echt nicht, was Sie hier die ganze Zeit zusammenfahren… Aber ich hätte gerne mal Ihre Taxinummer. Und eine Quittung.“

„Können Sie natürlich haben. Aber wie wären Sie denn gefahren? Das war die kürzeste Strecke.“

„Ich sage nur, dass ich noch nie so lange nach Münster gebraucht habe…“

Tja, das kann ich leider nicht so ganz glauben. Sollte er sonst nicht gerade im Helikopter sitzen, hätte es mich tatsächlich brennend interessiert, wann und wie er diese Strecke denn schneller fährt als an einem Sonntagmorgen kurz nach vier. Aber wozu noch diskutieren…

„Gut, das macht dann jedenfalls 27,20 €.“

„Machen Sie 30. Schönen Abend noch…“

Hä?

Weil einem so etwas nach Murphy’s Law aber grundsätzlich unmittelbar vor dem geplanten Schichtende passiert, musste ich kurzerhand noch einen Fahrgast auftreiben, der mich wieder fröhlich stimmt. Hat auch einwandfrei geklappt, denn jener betrat das Taxi mit „Wow!“ – bin mir im Nachhinein aber etwas unschlüssig, ob das nicht doch dem hartnäckigen Kanalratten-Odeur galt – und verließ es nach großzügiger Trinkgeldgabe. Seelenfrieden wiederhergestellt.

Und nachdem ich jetzt doch noch mal recherchieren musste (man ist ja nicht fehlerfrei): die gefahrene Route war nicht nur die allerkürzeste, quasi Luftlinie, sondern auch die schnellste, die sich noch dazu über alle drei empfohlenen von Google Maps hinwegsetzt. Take this!

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Trügerische Trachten

5. Mai 2013

Es ist mal wieder Wasenzeit. Ein Grund zum Jubilieren allemal, auch wenn ich es doch lieber den robusteren Kollegen überlasse, die Bierleichen abzutransportieren und mich stattdessen in der taxiarmen Innenstadt mit dem normalen Wahnsinn beschäftige. Nachdem dort aber gestern nicht viel los war und ich bei meinen allesamt kultivierten Fahrgästen mit ihren schönen Touren und dem beachtlichem Trinkgeld vor Langeweile fast gestorben wäre, habe ich mich zu später Stunde nach ein bisschen mehr Action gesehnt und mich von Funkmeldungen wie:

„Alles Verfügbare sofort zum Wasen!!!“

(nur Alle verfügbaren Einheiten“ wäre noch dramatischer gewesen…)

dazu verleiten lassen, doch mal nach Cannstatt rauszufahren.

Und ich muss schon sagen, diese Trachten führen einen in die Irre! Da steuert ein hübsches Pärchen in Dirndl und Lederhosen auf mich zu und das sonst so geübte Taxifahrerauge übersieht sofort, dass die beiden nur Arm in Arm gehen, um nicht umzufallen. Stattdessen denke ich:

„Ja mei, is‘ des schee. Die schauen aber nett aus! Und so harmlos. Die sind bestimmt den ganzen Abend Kettenkarussell gefahren und haben sich gegenseitig mit Zuckerwatte und Lebkuchenherzen gefüttert.“

Und dann schreit’s auf der B27 plötzlich doch:

„Haltanmirwirdschlecht!“

Und das, obwohl ich jeden meiner Wasenkunden prophylaktisch gefragt habe, ob es ihm auch wirklich gut gehe. Schließlich will ich vorbereitet sein. Doch wohl aus Angst, des Taxis verwiesen zu werden, geben es die meisten gar nicht erst zu. Stattdessen muss man sich an unheilvollen Seufzern von der Rückbank und Geflüster wie „In der Currywurst war irgendwas drin…“ oder „Lass doch erst mal das Fenster ein bisschen runter“ orientieren.

Doch jeder verdient eine zweite Chance, so auch der gemeine Wasengänger.

Mein Nächster war zwar nicht ganz so betrunken, dafür aber nicht weniger anstrengend:

„Ich weiß nicht, wo ich hin muss und Geld hab ich auch keins.“

Frustriert sinkt er auf dem Beifahrersitz in sich zusammen.

Ich bekomme Mitleid und sage mir: Sei nicht so hart zu ihm, wie oft hast Du Dich schon selbst ohne Geld und Orientierung in einer fremden Stadt wiedergefunden…? 😉

Nach eindringlicher Befragung meinerseits zog er dann doch noch eine Hotelreservierung aus der Lederhosentasche und so konnte es losgehen. Und das tat es dann auch:

„Das hab ich noch nie erlebt. Meine Freundin ist gerade abgehauen. Wir haben uns gestritten, weil ich mit einer anderen Frau geredet habe. Nur GEREDET! Dann hat sie mit Bierkrügen geworfen, für die ich 200 € bezahlen musste und jetzt ist sie weg. Sie hat den Rucksack und mein Ladegerät und die Schlüssel und das restliche Geld. Aber ich hab die Hotelreservierung! Sie weiß ja gar nicht, wo unser Hotel ist. Wir kommen eigentlich nicht von hier und wollten uns morgen verloben, aber jetzt hat sie Schluss gemacht.“

Oi…

„Aber Du kannst sie doch nicht einfach hier zurücklassen. Sollen wir sie nicht besser suchen?“

Wir? Was ist in mich gefahren?!

„Pah, die kann von mir aus auf der Straße schlafen. Ich könnte sie totschlagen!“

„Na, na!“

Ich hätte Kindergärtnerin werden sollen. 😀

„Jetzt ruf sie doch erst mal an. Sie hat sich bestimmt schon wieder beruhigt.“

„Ich hab aber nur noch 1% Akku! Und ich weiß nicht mal ihre Nummer auswendig!“

Er wirft die Hände in die Luft. Es ist hoffnungslos.

„Okay, Vorschlag: Du liest die Nummer aus Deinem Handy ab und ich schreib sie auf. Dafür wird es wohl noch reichen. Dann haben wir wenigstens mal ihre Nummer, wenn das Handy ausgeht. Und danach rufst Du sie von meinem Handy aus an.“

„Unfassbar, Du bist ja eine Göttin! Du bist so klug! Darauf wäre ich im Leben nicht gekommen!“

Er hat Recht. Manchmal sind meine Ideen durchaus nobelpreisverdächtig.

Eine Kreditkartenbelastung, ein verheißungsvolles Telefonat („Schatz, wir können immer noch morgen Schluss machen!“) und einen überaus feuchten Handkuss später wäre auch dieses Problem gelöst.

Ich wollte sie, ich bekam sie: genug Action für eine Nacht.