Von schwarzen Schafen und weißen Westen

16. Januar 2011

Als ich im Januar vor drei Jahren bei meinem jetzigen Chef angefangen habe, flatterte bereits nach wenigen Wochen eine Vorladung von der Zentrale ins Haus. Ein Kollege hatte sich über mich beschwert, weil ich ihm seine Fahrgäste weggeschnappt haben soll.

Ich hatte damals eine Fahrt zu den Patch Barracks nach Vaihingen, mein Fahrgast springt raus, drei Typen springen rein. Beim Losfahren bemerke ich im Rückspiegel noch ein zweites Taxi, denke mir aber nichts dabei und fahre weiter. Blöd nur, dass meine Fahrgäste eben jenen Kollegen über die Zentrale bestellt haben, der extra vom Taxiplatz angefahren kam und nun wegen mir eine Fehlfahrt hatte.

Der Schichtleiter hat mich daraufhin ein bisschen zusammengebügelt, meinte aber nach einem Blick in meine digitalisierte Personalakte:

„Oh, Sie fahren ja schon seit zwei Jahren und haben bisher keinen einzigen Eintrag! Selten so eine weiße Weste gesehen! Schade, jetzt haben sie den Ersten.“

 

Heute hab ich mich dann mal wieder mit einem Kollegen angelegt und harre freudig der Dinge, die da noch kommen mögen, sofern er sich denn traut. Was genau sein Problem war, hab ich zwar immer noch nicht so ganz kapiert, aber vielleicht bringt ihr Licht ins Dunkel.

Zum besseren Verständnis ein paar kurze Erklärungen zu unserem Funk:

 

„SILLEN“ steht für den Taxiplatz in Stuttgart-Sillenbuch.

„P:1“ bedeutet Position 1, ich bin also Erster am Platz.

„600“ ist der Code für den Sektor Sillenbuch. Ganz Stuttgart ist von unserer Zentrale in Sektoren unterteilt. Jeder Sektor hat einen Taxiplatz und jeder Platz einen solchen dreistelligen Code. Könnte ich jetzt alle aufzählen, mach‘ ich aber nicht. 😉

Die „3“ bedeutet, am Taxiplatz sind drei Taxis eingeloggt.

Der erste Unterstrich bedeutet, es sind keine freien Taxis im Sektor 600 unterwegs, die nicht am Platz stehen.

Der zweite Unterstrich bedeutet, es sind keine besetzten Taxis mit Fahrtziel Sektor 600 unterwegs.

Die „1“ bedeutet, es gibt eine Vorbestellung in der nächsten Stunde.

Die „0“ bedeutet, es gingen keine Aufträge in der letzten halben Stunde raus.

Man hat also einen ganz guten Überblick über alles, was im Sektor, in dem man sich gerade aufhält, taximäßig so los ist.

Mein Tête-à-tête mit dem wertgeschätzten Kollegen fand allerdings woanders statt. Tatort war der Taxiplatz am Hotel „Le Méridien“. Der sieht so aus:

 

 

Vorne sieht man ein weinrotes Taxi gerade die Biege machen, die beiden Autos rechts im Bild parken verbotenerweise auf dem Taxiplatz, der sich über die gesamte graue, abgesteckte Fläche erstreckt. Ungefähr schräg rechts hinter mir steht ein Taxi, das man auf dem Foto nicht sehen kann. Logischerweise hab ich erst nach dem kleinen Zwischenfall alles dokumentiert, die Situation war witzigerweise exakt dieselbe.

Als ich den Platz anfuhr, war der Kollege, der eben wegfährt, noch als Erster und Einziger eingeloggt. Ich hab mich positioniert und war erst kurz Zweiter, dann Erster, als besagter Kollege die Uhr anmacht. Ich war bis zum Einloggen das einzige freie Taxi im Sektor, sonst wäre ich gar nicht erst hingefahren, da der Sektor sehr klein ist. Wer da frei unterwegs ist, steuert zweifelsfrei den Platz an. Und als Dritter hätte ich nämlich keinen Bock gehabt.

Das Taxi, an dem ich links vorbeigefahren bin, blieb daher von mir unbeachtet. Da parken schon mal Kollegen, die Pause machen, im Hotel ’nen Kaffee trinken oder was auch immer tun oder lassen. Als ich gerade vorne einparken will, kommt das hintere Taxi angeschossen, gibt mir Lichthupe und der Fahrer fuchtelt wild rum. In dem Moment kommt auch schon der Portier aus dem Hotel und lädt bei mir Gepäck ein, in der Annahme, ich sei Erster am Platz, was ich ja eigentlich auch war.

Ich frage den Kollegen freundlich, ob er keinen Funk habe und eigentlich Zweiter sei. Er verneint und deutet auf sein Funkgerät. Ich frage ihn, warum er sich nicht positioniert habe. Er sagt, er habe schon einen Auftrag. Ich frage ihn, was dann sein Problem sei. Er schreit mich an. Ich tue so, als würde ich ihn akkustisch nicht verstehen und fahre die Scheibe hoch.

Mein Fahrgast steigt ein und ich will losfahren, aber der Kollege macht keine Anstalten, mich rauszulassen. Ich fahre die Scheibe wieder runter und versuche ihn mit fiesen Blicken einzuschüchtern. Er brüllt mich immer noch an, er würde schon so lange warten (1. Warum war er dann nicht Zweiter? 2. Falls er vergessen hat, sich zu positionieren, warum war er dann nicht als „frei“ im Sektor aufgeführt?). Ich frage ihn. Er tut so, als würde er mich akkustisch nicht verstehen. Ha!

Mein Fahrgast ist inzwischen sichtlich irritiert, die Portiers gucken auch schon ganz komisch. Mein cholerischer Kollege schlägt immer noch wild um sich und brüllt mich an, das würde ein Nachspiel haben. Scheiß Frauen, zu blöd zum Taxifahren, blablabla. Er schreibt sich meine Ordnungsnummer auf und rollt mürrisch ein paar Meter zurück. Man darf gespannt sein.

Eine logische Erklärung: Er hatte bereits einen Auftrag, der Fahrgast kam aber nicht, er hat das der Zentrale nicht schnell genug gemeldet und war dann not so amused, als ich nach dreißig Sekunden schon einen Einsteiger hatte. Wenn’s denn so gewesen wäre, hätte ich ihm meinen Fahrgast selbstredend überlassen. Hätte er mir nur sagen brauchen – hat er aber nicht.

Viel wahrscheinlicher ist sowieso: Er kam gerade aus der Pause zurück, hatte das Funkgerät aus, hat den Kollegen vorne wegfahren sehen und dachte sich, er könne doch mal so tun, als würde er schon ewig als Zweiter stehen.

Mal sehen, ob wirklich was von der Zentrale kommt. Ich fürchte um die Reinheit meiner blütenweißen Weste. So langsam wird sie dunkelgrau – aber hey, er hat angefangen!

Ach ja, nachdem ich gestern über Gutscheine geschimpft habe: Heute bekam ich wieder einen. Bei einer Fahrt für 184,50 € lasse ich mir das aber gefallen, insbesondere, wenn sogar auf 200 € aufgerundet wird und man den Betrag ganz unbürokratisch selbst eintragen darf. Yippieh! 😀

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Dein Freund und Helfer

15. Januar 2011

Grundsätzlich bin ich natürlich hilfsbereit im Rahmen des üblichen Services, den man erwarten darf, wenn man ein Taxi in Anspruch nimmt.

Will heißen: Wenn ich da bin, wird brav geklingelt und erst danach die Uhr angemacht. Ich schleppe Gepäck. Viel Gepäck. Ich verstaue Rollstühle und Rollatoren wundersamerweise in meinem kleinen Kofferraum. Ich trage Einkaufstüten nicht selten bis in die Wohnung. Ich stütze, ziehe, schiebe und drücke ältere und ungelenke oder betrunkene Fahrgäste hart, aber herzlich ins Wageninnere und auch wieder raus. Ich steige meistens aus und halte die Tür auf, abgesehen bei Leuten in meinem Alter und darunter – oder bei denen, die zu schnell für meine Reaktionsfähigkeit sind. 😉

Darüber hinaus geht relativ wenig. Nicht, weil ich nicht wollte oder könnte, aber Undank ist bekanntlich der Welten Lohn. Schließlich fahre ich ja nicht aus Spaß an der Freude Taxi (naja, eigentlich schon, aber das binde ich natürlich nicht jedem auf die Nase), sondern um Geld zu verdienen.

Von mir wird auch nur dann jemand ohne Mucks gratis befördert, wenn ich mich im Pauschalpreisschätzen verschätzt habe und locker noch zehn Euro draufgelaufen wären. Mein Pech, passiert zum Glück nicht oft. Oder wenn den beiden Mädels ganz überraschenderweise auf der Bundesstraße kurz vor dem Tunnel das Geld ausgeht und ich sie eigentlich aussetzen müsste (was man dann aber insbesondere nachts auch nicht verantworten kann und will).

Was ich eigentlich sagen will: „Du fährst doch sowieso in die Richtung“ zieht bei mir genausowenig wie bei den meisten meiner Kollegen, auch nachzulesen hier. 😀

Das alles dürfte aber eigentlich klar sein. Umso überraschter war ich dann heute mal wieder, dass manche Kunden ernsthaft darüber erstaunt sind, dass so ein Taxi tatsächlich was kostet:

Vorbestellung auf 09.00 Uhr. 

Um 09.02 Uhr wird geklingelt („Wir kommen!“) und die Uhr gestartet.

Nach fünf Minuten kommt eine junge Frau in aller Ruhe aus dem Hauseingang geschlendert. Ich warte.

Sie geht wieder rein. Ich warte.

Nach weiteren drei Minuten kommt besagte junge Frau wieder raus, diesmal mit Koffer. Sie steht unproduktiv in der Gegend rum. Ich warte.

Irgendwann gesellt sich auch der passende Mann samt passendem Koffer dazu, beide unterhalten sich noch und bewegen sich dann gaaaanz langsam in Richtung Taxi.

Ich steige brav aus, verlade das Gepäck.

Sie strahlt mich an: „Danke, dass Sie gewartet haben!“

 Manche Kollegen hauen in der Situation achselzuckend ein

 „Uhr läuft!“

raus, fand ich aber irgendwie doof. Müsste doch klar sein, dass die läuft, oder etwa nicht?

Wir steigen alle ein, da keift sie auch schon los:

„Was, schon über 7 Euro??? Was soll das denn?! Neee, Schatzi, lass uns ein anderes Taxi rufen, die will uns hier abzocken. Was kostet es dann mit der bitte bis zum Flughafen???“ 

Und sowas am Samstagvormittag. Da biste doch echt bedient.

Hab ihr verklickert, dass die Uhr bei 3 Euro startet und der Rest während der Wartezeit draufgelaufen ist, sie aber gerne ein weitereres Taxi rufen kann, da nochmals die Grundbeförderungsgebühr abdrücken darf und mir zusätzlich Anfahrt und Wartezeit zu bezahlen hat, ansonsten würde ich dann ungemütlich.

Ihr „Schatzi“ konnte sie besänftigen, aber zu einem pampigen

„Ihr solltet froh sein, dass überhaupt noch jemand mit dem Taxi fährt, so teuer wie das ist. Eigentlich seid ihr ja auf uns angewiesen und nicht andersrum! Aber bei solchen Methoden muss man sich ja echt nicht wundern, ey!“

ließ sie sich dann doch noch hinreißen. Niedlich.

Szenenwechsel:

Gegen Mittag piepst mein Funkgerät am Hölderlinplatz, unter der Adresse steht „Bitte helfen“. Danke, liebe Zentrale, so schön konkret und als hätte man noch die Wahl, nachdem man den Auftrag angenommen hat. Aber gut, will ich mal nicht so sein. Ich fahre hin, jogge fünf Trillionen Stufen zum Hauseingang hoch, als mir einfällt, dass ich die Uhr nicht angemacht hab. Mist! Meine 87-jährige Fahrgästin hat mich jedoch bereits erwartet und zum Beweis meiner grenzenlosen Fitness durfte ich noch eben drei Stockwerke höher und ihren Rollator holen. Als ich wieder unten war, drückt sie mir einen Euro in die Hand, ich möge ihr bitte vom Kiosk vorne an der Ecke die BILD holen. Grmpf. Auf dem Rückweg schnell auf Umwegen zum Auto gesprintet und die Uhr gestartet. 😉

Gefühlte Stunden später sitzt sie dann auch endlich neben mir, Fahrtziel sollte der Supermarkt am Hölderlinplatz sein. Knappe 300 Meter, da blutet das Taxifahrerherz. Unterwegs (also fünf Sekunden nach dem Losfahren und zehn Sekunden vor der Ankunft) fiel ihr ein, dass ich am Besten warte, denn:

„Ich brauch nicht lange und Sie haben ja Zeit, Kindchen, nicht wahr?“

Was will man da auch sagen?

„Neeee, ich muss sofort wieder zurück zum Platz und drei Stunden auf den nächsten Auftrag warten.“ Hmpf.

Und so finde ich mich samt Omi, Rollator und Einkaufswagen im Supermarkt wieder, wühle zwischen hart- und weichkochenden Kartoffeln und fühle mich wie in einem (un-)freiwilligen sozialen Jahr.

Nach über einer Stunde war unsere Shoppingtour dann auch schon wieder beendet, ich chauffiere sie nach Hause, schleppe die Einkaufstüten bis ins 3. OG, bis in die Wohnung, bis in die Küche (hätte mich zur Vervollkommnung des Ganzen fast noch erboten, das Zeug in die Schränke zu räumen) und kassiere 35,50 € für fünfhundert Meter Fahrtstrecke in Form von verf****en Gutscheinen!!! Und natürlich 0,00 € Trinkgeld.

So ’ner Omi kann man ja auch nicht böse sein, aber eines ist klar, nachdem sie mich zuckersüß fragte, ob ich öfters am Hölderlinplatz stehe: NIE WIEDER stehe ich da.

Als ich zum Taxi zurückging, hab ich dann auch den Supermarkt direkt gegenüber gesehen. Aber warum einfach, wenn’s auch umständlich geht… 

Ich mag keine Tagschichten mehr. 😦