Nomen est omen?

23. Oktober 2010

Kleiner Denkanstoß zu Beginn: Ist es eigentlich nicht sehr viel wahrscheinlicher, dass sich „Werkswagen“ weniger von „Werk“ als vielmehr von „Werkstatt“ ableitet? Wer ist dafür? Mein Taxi kam nämlich erst gestern* aus der Werkstatt und heute ist es schon wieder dort. Aber fangen wir von vorne an:

Hach, was für eine Schicht – so ganz ohne Fahrgäste. Okay, das stimmt nur teilweise, denn zumindest der Morgen verlief normal, wenn auch sehr ruhig. Gegen 11.30 Uhr stand ich am Le Méridien als drei Japaner einstiegen und zum Mercedesmuseum wollten. Interessanterweise gehen übrigens 99% aller Fahrten vom Le Méridien zum Mercedesmuseum. Als ein Fahrgast tatsächlich mal zum Porschemuseum wollte, musste ich zweimal ungläubig nachfragen. 😉

Aber zurück zu meinen Japanern. Auf halber Strecke blinkte nämlich plötzlich die Ölleuchte auf und das Auto sprang direkt in den Notlauf. Super Sache. Meine Japaner wurden jedoch erst auf den weniger komfortablen Fahrkomfort aufmerksam (die dachten wohl, ich rolle generell mit 30 km/h auf einer vierspurigen Hauptverkehrsstraße…), als ich ihnen zu erklären versuchte, dass sie den Rest der Strecke eventuell laufen müssten, „because no more power“ und so. Was heißt eigentlich Vollgas auf Englisch? 😀

Zum Glück ist die Mercedesstraße halbwegs eben und so hab ich meine Passagiere, wenn auch sehr mühsam, doch noch bis vor die heiligen Hallen chauffiert.

An der nächsten Shell hat sich sofort ein arbeitswütiger Tankwart auf mich gestürzt und es sich nicht nehmen lassen, umgehend meinen Ölstand zu prüfen. Also den des Taxis, versteht sich. 😉 War aber dummerweise alles in Ordnung und als ich gerade schön verwirrt ob meiner weiteren Vorgehensweise war, hab ich mir doch tatsächlich ein Frostschutzmittel andrehen lassen. Respekt vor dieser Ausgebufftheit!

Meinen Chef hab ich jedenfalls in seinem wohlverdienten Urlaub gestört und der hat mich trotz der Krisensituation (Krise, da unser Ersatztaxi bereits für ein anderes Taxi unseres Unternehmens im Einsatz war, ansonsten hätte man meinen Wagen problemlos austauschen können) relativ unbeeindruckt an seinen Stellvertreter verwiesen, den ich dann nach einer Nachtschicht aus dem Bett klingeln durfte musste.

Nun, es gab nicht viele Möglichkeiten angesichts der Tatsache, dass sowas ja nach Murphys Gesetz grundsätzlich am Wochenende passiert:

1. Zum Hallschlag rollen und einen Meister draufgucken lassen.

2. Trick 17: „Motor aus, Schlüssel abziehen, Auto verschließen, warten.“

Die zweite Variante erinnerte mich dann doch etwas an den Witz mit dem aus- und eingeschaltenen Bildschirm mit der Absicht, den Rechner neuzustarten, hihi. Hat natürlich nichts gebracht und bei meinem Glück fand sich beim Hallschlag an einem Samstagmittag auch kein Kfz-Meister mehr.

Also zurück zum Daimlerwerk gerollt und hier wird es dann so richtig absurd:

Tor 1 angefahren.

Ich: „Hallo, ich würde gerne mein Taxi, das ein Versuchswagen ist, hier auf dem Werk abstellen, damit mein Chef am Montag kommt und mit Herrn [Nachname und Mitarbeiter bei Daimler] schaut, was mit dem Auto nicht stimmt.“

Habe ich mich arg missverständlich ausgedrückt? Ich finde nicht.

P1: „Sie sollen das hier abstellen?“

Wow, jemand von der ganz schnellen Sorte.

Ich: „Genau das.“

P2 gesellte sich dazu und war ganz aus dem (Pförtner-)Häuschen.

P2: „Wo ist denn Ihr Fahrauftrag? Den brauchen Sie nämlich. Ohne was Schriftliches geht hier gar nichts. Und was heißt, Sie wollen das hier abstellen? Arbeiten Sie beim Daimler?“

Ich: „Nein, ich arbeite nicht hier. Mein Taxi ist kaputt und ich bin Taxifahrerin.“ Und hier ist Dein Schild. „Schriftlich abgefasst wurde da bisher auch nichts, es war nämlich eher sowas wie ein spontaner Entschluss meines Taxis, seit zwei Stunden nicht mehr so richtig fahren zu wollen.“

P1 empört: „Nee, das geht alles nicht. Man hat mir NICHTS gesagt! Ich weiß hier von nichts und ich nehme ganz bestimmt keinen Schlüssel an.“

Ich: „Brauchen Sie auch gar nicht, den nehme ich nämlich mit.“

P1: „Ha, das geht gleich gar nicht. Da könnte ja jeder kommen und sein Auto hier abstellen.“

Ja, man stelle sich nur vor, JEDER käme zum Daimlerwerk gefahren, um sein Auto verschlossen auf dem Parkplatz gegenüber der Pkw-Instandsetzung zurückzulassen. Das hätte nämlich den absolut brillianten Sinn, dass … ähm, ja. Was hätte das wohl für einen Sinn?! Siehste wohl.

P1 weiter: „Außerdem geht das sowieso nicht, denn ich weiß ja nicht mal, ob das hier überhaupt ein Werkswagen ist. Sie haben gar keinen Aufkleber in der Frontscheibe.“

Richtig, laut Chef gibt es diese für Versuchswagen auch schon seit vielen Monaten nicht mehr. Aber schön zu sehen, wie hervorragend die Verständigung innerhalb eines Unternehmens doch funktioniert. Nicht.

P1: „Ich glaube Ihnen das zwar, aber als Außenstehender (okay, das Nettogehalt reicht scheinbar nicht aus, um sich entsprechend mit seinem Arbeitgeber zu identizifieren) kann ich nicht erkennen, dass das Fahrzeug von uns ist.“

Äh, ja.

1. Indiz: Es ist ein Mercedes. Aber da lasse ich Zweifel ja noch gelten.

2. Indiz: Im Fahrzeugschein steht „Daimler AG“.

Als ich diesen gerade vorzeigen wollte, meinte P1 jedoch abwehrend:

„Nein, damit kann ich nichts anfangen.“

3. Indiz: Kfz-Kennzeichen „PT“ für Praxistest.

Er war noch immer nicht überzeugt.

P1 leicht verzweifelt: „Wollen Sie nicht vielleicht einen Reparaturauftrag ausfüllen?“

Wollte ich nicht.

„Jetzt noch mal, damit ich das auch richtig verstehe: Sie wollen nur das Auto abstellen und sind aber eigentlich Sekretärin hier im Haus?“

Ahhhhhh!

Ich: „Wissen Sie was, dann parke ich jetzt der Einfachheit halber auf der Straße und mein Chef klärt das am Montag alles selbst.“

P1: „Ja, Moment. Wenn das wirklich ein Werkswagen ist, ist es natürlich auch nicht im Sinne der Daimler AG, wenn das Auto jetzt irgendwo auf der Straße steht.“

Da konnte ich mir das Lachen dann doch nicht mehr verkneifen.

Viele Minuten später, P1 und P2 haben sich unterdessen beratschlagt, eilte P2 dann euphorisch zurück zur mir und verkündete:

„Ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden: Ich fahre jetzt vor Ihnen her, wir stellen das Taxi auf dem Parkplatz der Pkw-Instandsetzung ab und dann nehmen Sie den Schlüssel einfach mit.“

NEIN! Welch grandiose Idee! Man lese bitte meinen ursprünglichen Vorschlag zur Abwicklung des Ganzen.

Nachdem wir diese Hürde genommen hatten, stand ich nun nur noch vor der Problematik, wie ich vom Daimlerwerk zum Europaplatz komme, wo mein Auto steht.

Wieder blieben nicht viele Möglichkeiten: 

1. Zur S-Bahn-Station laufen, S-Bahn fahren, U-Bahn fahren, Bus fahren. Und bei alldem natürlich keinen Plan vom ÖPNV haben. 

Hab mich für 2. entschieden, denn Stuttgart ist dekadent:

2. Stuttgart fährt Taxi! Und so hab ich mein heutiges Einkommen direkt wieder selbstloserweise ins Taxigewerbe investiert.

Mein Taxifahrer erzählte mir übrigens, dass mein Taxi bis *Freitag aus dem Grund in der Werkstatt war, weil – wie man sich am Flughafen erzählt – eine Kollegin für meinen Kollegen in der Warteschlange aufrücken wollte, dabei nicht bemerkte, dass es sich hierbei ausnahmsweise NICHT um ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe handelte und dem Vordermann mit einem Satz in den Kofferraum hüpfte. 😀

Ich gebe zu: Sehr zu meiner Schadenfreude, denn spätestens jetzt bin ich wohl nicht länger die Nummer 1 der unwürdigsten Taxifahrerinnen, die – ebenfalls am Flughafen – für einen Kollegen aufrücken wollte und die verdammte Handbremse partout nicht gefunden hat. Doofes No-name-Auto mit versteckter Handbremse unter der Mittelarmlehne (und ich meine nicht die „normale“ Handbremse an dieser Stelle, sondern ein komplett unauffälliges viereckiges Rahmenteil zum Hochziehen!), pah. Ich kenne mich nur mit deutscher Wertarbeit aus. 😉

Tja, und wie geht’s jetzt weiter? Ich darf morgen mal ausschlafen, werde noch dazu entschädigt in einer Höhe, die meine voraussichtliche Umsatzbeteiligung an einem Sonntag wesentlich übersteigt, und stürze mich nun mit einer Freundin ins Stuttgarter Nachtleben.

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Und es gibt sie doch!

21. Oktober 2010

Kleine Vorbemerkung für alles, was hier noch so kommt: Wie schon irgendwo geschrieben steht, fahre ich eigentlich nur am Wochenende Taxi, es ist aber durchaus möglich, dass ich hier zeitlich versetzt blogge, weil ich 1. nicht eher Zeit habe, 2. länger an einem Eintrag herumfeile oder 3. die Story erst ein paar Tage braucht, um in meinem Spatzenhirn zu Blogmaterial zu reifen. 😀

Hier nun mal ein kleines Anekdötchen aus einer der letzten Schichten:

Zugegeben, die letzten paar Monate in der Nachtschicht war ich mit meinen braven Fahrgästen schon sehr verwöhnt.  Unsympathen fährt man zwar immer mal, aber davon ab: Keine volltrunkenen Komasäufer, keine übergriffigen Kniebefummlerhaarestreichlerwangenkussgeber, keine zahlungsunwilligen „Flitzer“, keine kleinen Ekelpakete, die ihre Dönerreste im Fußraum zurücklassen. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Dann klopften zwei junge Männer an mein Fenster:

 „Wieviel kostet es bis zur Zellerstraße?“

„Etwa 6,80 €.“

Kleiner Tick von mir: In 20-Cent-Schritten schätzen. Alles andere wäre schließlich keine Herausforderung. 😉

 „Wir haben aber nur noch 5 €.“ Jammernder Tonfall.

„Tja, das nennt sich dann wohl Pech.“

Nee, echt nicht. Bei größeren Fahrten bin ich da normalerweise nicht so und fahre schon mal für zu wenig nach außerhalb, aber wer sich zu zweit keine Taxifahrt für knappe 7 € leisten kann, sollte eben den Nachtbus nehmen oder zu Fuß gehen. Ist ja albern, oder sehe ich das falsch?

„Kann man da echt nichts machen?“

„Sorry, Jungs, nur nach Uhr.“

 Kurzes Gemurmel untereinander

„Na gut, dann fahren wir halt!!“ Mürrischer Tonfall.

Huch, spontane passive Münzmultiplikation. Wenn mir was unsympathisch ist, dann doch sowas. Und Trinkgeld kann man in diesen Fällen sowieso knicken.

In der Neuen Weinsteige, also keine 200 m vor dem Ziel, wollten beide dann plötzlich MotorFM hören. Ansich kein Problem, musikalisch bin ich immer offen für alles (solange es weder SWR4 noch sunshine live ist), aber innerhalb von zehn Sekunden der verbleibenden Fahrtzeit einen Sender zu suchen, dessen Frequenz ich nicht mal wusste, damit meine werten Fahrgäste die letzten zwei Sekunden der verbleibenden Fahrtzeit Musik hören konnten, die ihnen noch mehr zusagt als mein eh schon cooles Standardradioprogramm, fand ich dann unverhältnismäßig bescheuert aufwändig und das hab ich auch so weiterkommuniziert.

6,80 € (strike!) wurden – wie sollte es auch anders sein – auf den Cent genau abgedrückt, ich war geistig schon wieder auf der Rückfahrt zur Stadtmitte, als einer von beiden beim Aussteigen zu mir meinte:

„Damit Du’s weißt: Wenn hier jetzt eine Straßenlaterne stehen würde, hätte ich die Tür mal so richtig dagegen geknallt!“

WTF?

Was für eine Grundwut muss man bitte mit sich herumtragen, dass man wegen einem Radiosender so ausrasten könnte? Und was für ein Anti-Auto-Freund muss man bitte sein, dass man meinem schönen fahrbaren Untersatz etwas derart Grauenvolles antun wollte? Letzteres entsetzt mich fast schon mehr, pah.

Ich hätte zwar gerne was entsprechend Fieses geantwortet, aber leider bin ich schlagfertig. Fünf Minuten danach. Falls jemand tolle Universalsprüche zum Kontrageben weiß, immer her damit. 😉

Hab jedenfalls beschlossen, das nächste Mal staatsmännischer aufzutreten. Idioten.


4.000!

19. Oktober 2010

Wow, da blogge ich einen Monat lang in aller Einsamkeit für mich und meine multiplen Persönlichkeiten vor mich hin und jetzt haben binnen zwei Tagen tatsächlich 4.000 (in Worten: vierTAUSEND) Menschen auf meine Seite gefunden. Ihr seid ja verrückt, habt ihr nichts zu tun? 😉

Ich bin gerührt und auch etwas geschüttelt – letzteres im Hinblick auf den enormen Druck, der nun auf mir lastet, euch auch in Zukunft einigermaßen zu entertainen. Aber selbst wenn nur 1 Prozent von euch dauerhaft hängen bleibt, wären das schon mehr Leser, als ich je erwartet hätte.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank für euren Besuch, das nette Feedback und die zahlreichen Kommentare. Geht alles runter wie Öl!

Und eigens für die Leser, die sich von der Länge meiner Beiträge direkt wieder abgeschreckt fühlten,  gelobe ich hiermit feierlich, mich gelegentlich auch mal nur auf die reine Quintessenz zu beschränken. Ist als Frau ja nicht ganz so einfach, nech? 😉 Aber danke auch für diesen Hinweis.


Des einen Freud‘, des anderen Leid

18. Oktober 2010

Als Taxifahrer ist man nicht nur Taxifahrer, sondern neben seiner Standardfunktion als stets charmanter Gesprächspartner 😉 oft auch Stadtführer, Meterologe, Auskunft für sämtliche Fragen des täglichen Lebens, die nicht selten nicht auch nur ansatzweise das Taxigewerbe betreffen, seelischer Mülleimer und manchmal eben auch Paartherapeut.

Die meisten „Beziehungsdramen“, die sich bisher in meinem Taxi abgespielt haben, waren jedoch wohl größtenteils dem Alkohol geschuldet, noch dazu wenig spektakulär, und wenn doch, hält man als Unbeteiligter einfach die Klappe und genießt die Show. 😀

Was meine drei Protagonisten vom Samstag zu ihrer bühnenreifen Leistung bewogen hat, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Interessant war es aber allemal und in diesem Fall meine ich mit „interessant“ hauptsächlich: „Wehe, ihr steigt mir noch mal ins Taxi!“

Harmlos angefangen hat es in der Eberhardstraße, als ich nichts Böses ahnend an der Ampel stand und ein junger Mann zustieg. Fahrgast vom Typ ’nüchtern und zahlungsfähig‘, Kurzfahrt – nichts Besonderes also. Unterwegs erzählte er mir, er wolle seine Freundin bei seiner Ex („explosive Konstellation“ hab ich mir an dieser Stelle wohlweislich verkniffen) abholen und dann zu sich nach Hause fahren.

Nachdem seine Liebste auf mehrfache Anruf-und-aus-dem-Haus-Lockversuche seinerseits jedoch nicht reagiert hat, sollte ich kurz warten, er würde klingeln und sie holen. Ich müsste mich aber bitte für eine schnelle Weiterfahrt bereithalten, da seine Ex nicht so gut auf ihn zu sprechen sei. Oh, oh!

Okay, eigentlich hab ich mir noch immer nichts dabei gedacht. Wir sind ja alle zivilisierte, erwachsene Menschen – sollte man meinen, aber weit gefehlt: Er kam nach dreißig Sekunden zurück auf die Straße gerannt, hinter ihm eine wildgewordene, keifende, kreischende, beißende, kratzende Furie, nach dieser die zweite. Welche davon nun genau seine Ex war, wurde erst deutlich, als Nummer 1 auf ihn und Nummer 2 auf sie eingedroschen hat. Und das alles neben meinem Taxi mit – blöderweise – geöffneter Tür, deren Türgriff der „arme Kerl“ (ich spekuliere noch, ob er es wohl verdient haben mag) auch nicht loslassen wollte, sonst hätte ich auf die 6,50 € verzichtet und die Flucht ergriffen.

Tja, was macht man in so einer Situation? Ich saß noch etwas konsterniert, grübelnd und zugegebenermaßen auch fassunglos-amüsiert im Taxi, als mein Hintermann das Hupen anfing und nicht mehr aufhörte. Ob er damit die Streithähne irritieren, gar auseinander bringen, einen kollektiven Hörsturz auslösen oder lediglich seinen Unmut über das sich prügelnde Verkehrshindernis äußern wollte, hat sich mir nicht ganz erschlossen, aber als eine der beiden „Damen“ dann anfing, im Versuch, ihr Opfer zu treffen, gegen mein Taxi zu treten, sah ich mich auch mal entnervt genötigt, einzuschreiten. Dabei hab ich mich noch nie geprügelt, schon gar nicht 1 gegen 3 und genau genommen wollte ich heute auch nicht damit anfangen.

Glücklicherweise gelang es meinem Fahrgast in diesem Moment, sich loszureißen, auf den Rücksitz zu springen und zu rufen: „Fahr los!“ Herrlich, wie im Actionfilm. Sie hatte sich mit ihren Haaren allerdings irgendwo an ihm verfangen und ich wollte sie nur ungern mittels Kick-down ihrer Kopfhaut entledigen, also bin ich ganz un-actionfilm-like langsam losgerollt. War nach einigen Metern gemütlicher Beschleunigung dann aber doch recht effektiv und wir haben sie voll abgehängt, ha! 😀

Für mich zartes Seelchen war das eigentlich schon Aufregung genug, ich wollte ihn zur Zahlung und zum Ausstieg auffordern, aber er hat mir versichert, dass seine Freundin nun auch von ihr weg wollte (erstaunlich, wie multitaskingfähig man doch ist, wenn man sich gerade prügelt – dass ein derartiger Informationsaustausch stattgefunden hat, ist jedenfalls komplett an mir vorbeigegangen) und so haben wir eine große Runde gedreht, er hat seine Freundin via Handy aufgefordert, diesmal ohne Begleitung auf die Straße zu kommen und unverzüglich einzusteigen. Hat sie dann auch brav gemacht und ich fuhr in Richtung zweiter Adresse. Dort angekommen, ist sie ausgestiegen und wollte „kurz“ ihre Sachen holen, da sie zur Arbeit musste.

Nun, da wir alle wissen, dass Frauen es mit der allgemeinen Definition von „kurz“ für gewöhnlich nicht ganz so genau nehmen, wurde mein Fahrgast auch schon bald ungeduldig und meinte: „Ach, dreh‘ doch mal ’ne Runde.“ Aus einer Runde wurden gerade acht oder zehn, als sie auf seinem Handy anrief und meinte, sie hätte wohl ihr Portemonnaie bei seiner Ex vergessen. An dieser Stelle hab ich mich diskret nach einer versteckten Kamera umgesehen und stattdessen in sein Gesicht geblickt. Okay, es war kein Scherz. Zumindest nicht von ihm.

Als seine Freundin wieder mit uns im Taxi saß und er mich gerade in Richtung erster Adresse anweisen wollte, hab ich dann mal dezent darauf hingewiesen, dass es wohl nicht sonderlich klug wäre, sich schon wieder in die „danger zone“ zu begeben und falls er darauf bestehen würde, ich ab jetzt nicht mehr mitspiele. Seine Freundin hat ihn daraufhin kurzerhand aus dem Taxi geworfen und wir haben ohne größere Zwischenfälle ihr Portemonnaie zurückerobert. Und wenn ich „wir“ sage, meine ich „sie“, denn ich stand mit Zentralverriegelung und Fuß auf dem Gaspedal in optimaler Fluchtposition auf der Straße.

Nebenbei bemerkt: Die Uhr lief und lief, hehe.

Bevor sie dann zur Arbeit wollte, haben wir ihn, der zwischenzeitlich eine Verschwörung  der beiden Frauen witterte und erst durch gutes Zureden aus dem Haus gelockt werden konnte, wieder Zuhause aufgegabelt und sind in die Stadtmitte gefahren. Von dort aus wollte sie sich ursprünglich ein [feindliches Mietwagenunternehmen mit, ich zitiere einen früheren Fahrgast, „zwar Billigpreisen, aber man wartet schon mal eine Stunde, falls überhaupt jemand kommt“] nehmen und zur Arbeit nach [Nachbarstadt] fahren. Inzwischen waren wir bei 55 € angelangt und da ich mir nur ungern den entspannteren und auch deutlich lukrativeren Teil der Fahrt entgehen lassen wollte, hab ich im übertragenen Sinne argumentiert mit: „Jetzt ist es eh schon so teuer, was machen da noch 25 € mehr?!“ Sie hat es jedenfalls überzeugt, er musste zwei Fünfziger rausrücken und wurde zum Mittagessen geschickt.

In [Nachbarstadt] hab ich sie dann vor einem „Etablissement“ (zwinker, zwinker) abgesetzt und noch ein sattes Trinkgeld eingestrichen, zur Entschädigung. Hab ich zumindest so interpretiert – und ein Büschel ausgerissener Haare zwischen Rücksitz und Tür entfernt.


Wenn’s einmal läuft…

15. Oktober 2010

Tja, was soll ich zu meiner Verteidigung sagen? Mit Erschrecken musste ich feststellen, dass sich so ein Blog nicht von selbst schreibt. 😉

Nein, Tatsache ist: Meine nicht enden wollenden Tagschichten, die mir mein Chef netterweise aufs Auge gedrückt hat, geben nicht wirklich viel Blogbares her.

Man sollte es nicht für möglich halten, aber selbst in einer Weltstadt wie Stuttgart fährt man doch nahezu jede Woche dieselben Leute – zum Arzt um die Ecke, zum Supermarkt um die Ecke, ins Restaurant um die Ecke. Ihr versteht. „Leider“ möchte ich sagen, aber ich verkneife es mir, denn auch viele Kurzstrecken läppern sich und gerade gegenüber jenen wertvollen, das Taxigeschäft am Leben erhaltenden Kunden dürfe die Freundlichkeit nicht abhanden kommen, mahnt der Vorstandsvorsitzende der Taxi-Auto-Zentrale (TAZ) des Öfteren im Stuttgarter Taximagazin. Damit man sich das auch wirklich selbst abkauft, muss man es sich schon gelegentlich laut vorsagen, insbesondere wenn ich da an Umsätze von 40 € pro 12-Stunden-Schicht denke.

Doch letztes Wochenende war dann alles anders! Okay, fast. Der Samstag lief jedoch wirklich rundum phänomenal. Da hab ich mich zu Beginn meiner Schicht noch ein Bisschen selbst bemitleidet ob dieser Willkür, der man ausgeliefert ist (Fallbeispiel: Man (= ich) steht eineinhalb Stunden als einziges Taxi weit und breit am Taxiplatz und wartet auf die Vorbestellung zum Flughafen. Unmittelbar bevor der Auftrag dann an den Ersten am Platz (= mich) rausgeht, steigt jemand (= der Teufel) mit verlegenem Lächeln und den Worten „Ist jetzt leider nur ’ne Kurzstrecke“, ein und der Hintermann, der sich vor dreißig Sekunden als Zweiter am Platz eingeloggt hat, bekommt die Fahrt. Argh! Wie oft mag mir das schon passiert sein? Fünfzig Mal? Hundert Mal?), aber an diesem Tag war das Schicksal definitiv auf meiner Seite.

Von 7 bis 19 Uhr stand ich keine Viertelstunde unbesetzt in der Gegend rum. Und das passiert sonst nie. Schon gar nicht in der Tagschicht. Die Fahrten und Fahrgäste selbst waren jedoch wenig spektakulär: Mal zum Flughafen, mal in die Stadt. Schöne Ü20-Fahrten und wenn man ständig unterwegs ist, kommt da schnell ein nettes Sümmchen zusammen. Gegen 16.20 Uhr stand ich versuchsweise am SI-Centrum, die Uhrzeit war allerdings etwas ungünstig. Man muss halt Glück haben – und ich hatte! Ein Auftrag aus dem Nachbarsektor Plieningen, wo wohl gerade kein Taxi unterwegs war. Darf man eigentlich wegen der verhältnismäßig weiten Anfahrt wegdrücken, aber man hat’s ja nötig. 😀 

Unterwegs dann eine kleine Herausforderung: Straße unbekannt, sowohl mir (was schon mal vorkommt) als auch dem Navi (das war neu). Zentrale angefunkt, die wussten auch von nichts. Papa (Taxiunternehmer im Ruhestand und personifizierter Stuttgarter Straßenatlas) angerufen: „Die Straße gibt es nicht“. Na toll. Ich, als Optimist mit Erfahrung, hab direkt eine Feierabendverschwörung gewittert, bin aber auf gut Glück doch mal durchs Neubaugebiet gefahren und siehe da, die Straße gab’s. Wohl erst seit gestern, aber machte ja nichts.

Fahrgast stieg ein und fragte: „Fahren Sie mich nach Poppenweiler?“ Volltreffer! Und was ich an dieser Stelle mal anmerken muss: Es ist sowas von niedlich, wie bei weiten Strecken fast immer erst mal vorsichtig nachgefragt wird. Scheiß auf die goldenen Kurzstrecken, je weiter, desto besser, Baby! Poppenweiler bei Ludwigsburg wäre jedenfalls eine nette 45-€-Tour gewesen, wäre da nicht Stuttgart 21, oder vielmehr dessen Gegner. Ich hab beim Losfahren dezent darauf hingewiesen, dass wir uns angesichts der Innenstadt-Demo besser pauschal einigen und ich kurz über die Autobahn fahre, aber mein werter Fahrgast wollte uuunbedingt durch die Stadt. „Egal wie viel kostet“. Aha, macht natürlich Sinn. Also haben wir uns ins Getümmel gestürzt und standen direkt mal zehn Minuten in der Neuen Weinsteige auf ein und demselben Quadratmeter bis ich ihn dann überreden konnte, wenigstens die Abkürzung über die Alte Weinsteige zu nehmen. In der Stadt rund um den Cityring herrschte jedenfalls Anarchie und wir standen und standen und standen… Beim Nichtstun Geld zu verdienen wäre eigentlich fast schon wieder lustig gewesen, hätte mein Sitznachbar nicht ständig erfolglos versucht, mich zu einem Abendessen einzuladen, nachdem wir ja nun schon so viele wertvolle Minuten miteinander geteilt hatten.

Eineinhalb Stunden und viele Euros später haben wir uns vom Stuttgarter Süden über sämtliche Nebenstraßen, die mein Taxifahrerhirn so ausspuckte, in den Norden gequält und um halb sieben in Poppenweiler angekommen gab es zum Abschied trotz 70 € Fahrtpreis einen feuchten Handkuss, ein Eis von der Tankstelle und seine Visitenkarte. Sollte jemand mal Hilfe eines Bauschreiners zum Thema „Montasche“ oder „Tapetten“ benötigen, ich wüsste da jemanden. 😉

Tagesumsatz: Satte 270 €! Yay! Der Sonntag konnte im Hinblick auf ausgleichende Gerechtigkeit ja nur richtig mies werden…

Zwei Stunden vor Feierabend stand ich nach einem durchwachsenen, aber insgesamt neutralen bis positiven Sonntag wieder mal am SI. Auftrag mit Kreditkarte, Abholung Millennium Hotel. „Bitte über Rundel anfahren“. Gemeint war das Rondell, da muss man auch erst mal drauf kommen, hihi.

Drei Amerikaner vom History Channel mitsamt Fotoausrüstung wollten zum Porschemuseum nach Zuffenhausen. Ob ich dort auch warten und sie wieder zurückbringen könne. Da wollte ich mich gerade zu meiner guten Tat des Tages hinreißen lassen, als direkt kam: „We’ll pay you, of course!“ Musik in meinen Ohren.

Beim Porschemuseum stand ich eine halbe Stunde rum, dann ging’s weiter zum Schlossplatz, wo sie noch „something typical“ fotografieren wollten. Hab mal das Schloss vorgeschlagen, wird ja immer gerne genommen. Sehr begeistert waren sie vom Wappen, das Porsche dem Schloss oder das Schloss Porsche geklaut hat. Jedenfalls war da irgendwas identisch und sie haben wie wild über eine Stunde geknipst. Danach ging es wieder zum Hotel zurück und es standen sagenhafte 101,30 € auf der Uhr. Meine teuerste Fahrt in vier Jahren!

„Give her a good tip“, meinten die beiden vom Rücksitz beim Aussteigen und mein Beifahrer wollte mir 30 € Trinkgeld andrehen. Ich hab ihn dann auf 20 € runtergehandelt. Hey, ich hab schließlich nichts gemacht außer rumzustehen und €-Zeichen in den Augen zu haben. Rückblickend hätte ich wohl aber auch die 30 € genommen, Fernsehen zahlt ja, und nachdem ich seit Jahren GEZ-Gebühren abdrücke, schließt sich doch so der Kreis, oder? Dämlicher Reflex: „That’s way too much!“ Passiert mir immer bei zahlungswilligen Ausländern, hmpf.

Alles in allem jedenfalls richtig, richtig nette Typen und ein geniales Wochenende. Einziger Negativgedanke: Mit 500 € Gesamtumsatz in der Tagschicht lässt mich mein Chef bestimmt nie wieder nachts fahren…