Tatort Augustenstraße

22. Januar 2012

Es soll mir keiner vorwerfen, ich hätte aus meiner „unterlassenen Hilfeleistung“ von neulich nichts gelernt. Doch bevor ich Hilfe leisten konnte, musste erst mal was passieren.

Wer gestern Nacht in der Augustenstraße im Stuttgarter Westen plötzlich markerschütternde Hilfeschreie gehört hat – ich war’s nicht. Dafür meine Fahrgästin. Aber von vorne…

Alles hat gewöhnlich angefangen, ich stand nicht lange in der Rotebühlstraße, als der Auftrag kam. Eine Kneipe – nicht gerade meine bevorzugten Abholadresse, aber Madame stand zum Glück schon bereit. Etwas älter war sie, betrunken aber scheinbar nicht, und zudem recht agil.

Mit einem saloppen

„Rein mit dem Mädel!“

ließ sie sich unelegant in den Beifahrersitz fallen und nannte mir die Adresse.

„Ich fahr mal besser da vorne rechts hoch, wenden geht hier so schlecht…“,

sage ich und kündige einen minimalen Umweg mit der Bitte um Erlaubnis an.

„Wie Sie fahren, obliegt ganz Ihnen. Ich muss ja nur bezahlen“,

erwidert Sie freundlich. Bestechende Logik. Solche Fahrgäste gefallen mir. 😉

Am Ziel angekommen, helfe ich ihr raus und frage, ob ich sie noch zur Tür bringen soll. Sie wirft mir einen giftigen „Sooo alt und gebrechlich bin ich auch wieder nicht“-Blick zu, verneint dankend und nestelt in ihrer Tasche herum.

Ich steige also wieder ein, notiere den Fahrpreis und will losfahren. Vorher werfe ich noch einen kurzen Blick nach draußen und sehe in dem Moment meine Kundin die Arme in die Luft werfen und in Zeitlupe nach hinten fallen.

Ältliche Frau + Sturz + regennasser Asphalt + Hanglage + schmale Gasse zwischen zwei Autos = denkbar schlechteste Kombination.

Ich renne panisch ums Auto herum in Erwartung sie schwer verletzt auf dem Boden liegen zu sehen. Sie schreit inzwischen, als hätte sie sich mindestens was gebrochen oder („Hiiiilfe, Hiiiiilfe, neeeeein, aaahhhhh!!!!“) ich sie überfahren respektive ausgeraubt, die halbe Straße zusammen.

Der ein oder andere Vorhang wackelt verdächtig, zwei männliche Passanten bleiben stehen und beobachten ungerührt das Geschehen, während ich ihr – nachdem sie mir versichert hat, keine Schmerzen zu haben – aufhelfe.

„Oh Gott, haben Sie sich verletzt???“

„Nein, nein.“

„Soll ich einen Krankenwagen holen?“

„Nicht nötig, nein.“

„Ich fahr Sie auch eben ins Krankenhaus!“

„Nein, nein, ist nichts passiert.“

„Tut Ihnen was weh?“

„Ich bin halt ein bisschen auf den Kopf gefallen.“

„WAS?! Okay, ich rufe einen Krankenwagen!“

„Nein, es ist alles in Ordnung, glauben Sie mir.“

„Ist Ihnen schwindelig oder übel?“

„Nein, gar nicht.“

„Tut Ihnen sonst was weh?“

„Der Ellbogen…“

„Können Sie ihn durchstrecken?“

„Ja, sehen Sie … geht.“

„Sind Sie ganz sicher, dass es Ihnen gut geht?“

„Ja, absolut. Ich bin nur erschrocken.“

„Und ich erst!“

Sie lacht.

„Ach ja, Entschuldigung, dass ich so geschrien habe, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich dachte nur, Sie fahren vielleicht weg und über mich drüber…“

Gut, spätestens DAS hätte ich dann gemerkt. 😉

Ich bringe Sie zur Haustür, sie scheint vollkommen okay. Ihr Mann nimmt sie in Empfang, der unseren Dialog von eben noch einmal so ähnlich wiederholt und ich pflanze ihm ein, unbedingt einen Krankenwagen zu rufen, sollte es ihr schlechter gehen.

Puh, was für ein Einstand.

Denn es gibt auch noch ein paar gute Nachrichten. Wie schon im letzten Beitrag angekündigt, werde ich in Zukunft hoffentlich wieder mehr bloggen können, weil ich regelmäßig nachts fahren darf, juchee! Und als wäre das nicht schon Grund genug zur Freude, dies in einer E-Klasse, neu, schwarz, Automatik, voll funktionstüchtig (bedeutet: kein Schraubenzieher, der im Lenkrad steckt, damit die Halterung nicht herausbricht…) – mit FERNSEHER!

Jäckpott! 😀

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The Walking Dead

2. Januar 2012

Wenn die Silvesternacht sich dem Ende neigt, muss ich immer an Zombiefilme denken. Die Straßen sind übersät mit Papierfetzen, Scherben und Flaschen, hin und wieder begegnet einem ein anderes vereinzeltes Taxi, überall stehen Menschentrauben, die latent aggressiv winken, alternativ vors Auto laufen und sich, wenn man dann die Qual der Wahl hat und anhält, sofort um das einzige Taxi weit und breit prügeln.

Meine Standardantwort auf „Ganz schön viel los heute, was?“ war ja zunächst „Ich wünschte, das wäre immer so!“ Aber nachdem ich nun, zwei Tage später, meine innere Ruhe zurückerlangt habe und reflektieren kann: Um Gottes Willen. Das würde ich keine zwei Wochenenden am Stück durchhalten.

Um kurz nach 18.00 Uhr hab ich angefangen, um 7.40 Uhr und satte 510 € später aufgehört. Ich stand keine drei Minuten irgendwo unproduktiv rum. Der helle Wahnsinn.

Der heftige Regen hat die ganze Sache etwas ungemütlich gemacht, ansonsten waren die Fahrgäste  bis Mitternacht allesamt super und in äußerst großzügiger Trinkgeldlaune. Und das, obwohl ich nach dem gefühlten 1000. „Guten Rutsch!“ wohl nicht mehr ganz so überzeugend klang. Um 23.50 Uhr stand ich am Taxiplatz in der Rotebühlstraße, als ein Partychick vom Typ „Daniela Katzenberger in südländisch“ mit Handy am Ohr auf mich zugehastet kam:

„Können wir ganz schnell nach Wangen fahren, bitte???“

Von Stuttgart-West ins äußerste Stuttgart-Ost in zehn Minuten. Eigentlich wollte ich mir um Mitternacht ein ruhiges Plätzchen suchen und nicht gerade besetzt durch die Wangener Hauptstraße fahren, aber was tut man nicht alles für die Kundschaft, Silvester kam schließlich so überraschend.

Um Punkt Mitternacht, nachdem wir fast von zwei schulterblickfaulen Lemmingen in einer Kolonne von „Polizeivollzugsbehörde“-Fahrzeugen (whatever that exactly is) gerammt wurden, vernahm ich von hinten ein etwas deprimiertes

„Jetzt ist es genau 0 Uhr…“

Ja, sorry, Schätzelein, ich bin mit knapp 100 durch den leeren Wagenburgtunnel, aber mehr geht halt nicht. In Wangen hab ich sie rausgeworfen, wo sie auch geradewegs in die Arme ihres Lovers fiel, und ich hab mich erst mal für zehn Minuten in eine ruhige Seitenstraße verzogen, das Feuerwerk bewundert und mein letztes Twix für eine ganze Weile (Vorsätze und so) verdrückt. 😀

Und man sollte es ja nicht für möglich halten, aber die „An Silvester gibt’s keine Taxis mehr“-Panik ist so verbreitet, dass es gleich kurz nach Mitternacht die ersten Aufträge hagelte. Die ersten paar hab ich noch abgelehnt und mich dann langsam in Richtung Wangener Taxiplatz bewegt, wobei es ein paar überschaubar intelligente Spaßvögel unheimlich witzig fanden, Böller unmittelbar vor oder unter mein Taxi zu werfen. Den nächsten Auftrag hab ich angenommen und wo durfte ich abholen? An derselben Adresse, wo ich eben schon Madame abgesetzt habe. Sie allein hätte ich ja noch ertragen, allerdings sollten drei ihrer Freunde ebenfalls mit und von denen war weit und breit nichts zu sehen. Weil aber Silvester ist und alle so gut gelaunt waren, hab ich einfach mal umsonst kostenlos fünfzehn Minuten gewartet (und es später bitter bereut – man sollte einfach nicht mehr nett sein!). Nach Cannstatt sollte es gehen, viele Wege führen dorthin, ich hab mich für einen entschieden, der mit Sicherheit einer der kürzeren war. Das solariumverbrannte Hühnchen vom Rücksitz sah das wohl anders und pflaumt mich – an Silvester, the happiest time of the year, – aus dem Nichts heraus in einem Ton an:

„Nen größeren Umweg hätten wir ja jetzt nicht fahren können, nä??? UN-VER-SCHÄMT sowas!!!“

Die drei Mitfahrer schwiegen peinlich berührt und waren wohl zum Glück anderer Ansicht. Als unmittelbar ein paar Flüche in slawischer Sprache folgten, hab ich den Gedanken verworfen, mit ihr ernsthaft über die Fahrtstrecke zu diskutieren. Entsprechend eisig habe ich sie knappe 14 € (na, das kann nur ein Wahnsinnsumweg gewesen sein) später an einer Kneipe abgesetzt. 20 € und ein „Sorry“ von einem der Männer bekommen. Zeichen genug, um sie als blöde Nuss abzuhaken und mir nicht weiter den Kopf zu zerbrechen. Heute bin ich beide möglichen Strecken noch mal abgefahren und ich muss eingestehen: meine erste Wahl war 300 m länger, aber vier Minuten schneller. Asche auf mein Haupt.

Meine letzte Fahrt ging dann noch auf den Cannstatter Wasen. Im Frühjahr und Herbst herrscht dort großer Andrang dank des Volksfestes, zu dieser Zeit dagegen ist es einfach nur ein riesiger, leerer, dunkler Parkplatz. Vor der Einfahrt auf diesen bot mein Fahrgast an:

„Sie können auch hier halten, wenn Sie Angst haben. Ich sag das nur immer, weil es so dunkel und unheimlich da unten ist, aber ich bin kein böser Mensch. Also, wenn Sie Angst haben, steig ich hier aus. Die meisten Taxifahrer halten nämlich lieber hier oben (Memmen! :P). Aber ich bin echt kein böser Mensch, wirklich nicht!“

Pah, ich und Angst. Natürlich habe ich mich wagemutig von der Dunkelheit verschlucken lassen. Ich hätte es ja fast schon wieder lustig gefunden, wenn er mich dann wirklich noch ausgeraubt hätte nach dem Motto: Du hattest die Wahl! War aber nicht so, denn er war ja kein böser Mensch. Habsch mir aber auch gedacht. 😉

So, ihr seht, wirklich spannend war auch die Silvesternacht nicht, dafür überaus lukrativ (im Gegensatz zu den letzten Silvesterschichten: 2008/2009 Glatteisunfall um Punkt Mitternacht, 2010/2011 Mia sterbenskrank und aufs Höchste unmotiviert) und so soll es ja auch sein. Skiurlaub in der Schweiz ist gesichert. 😉

Eventuell bietet sich in nächster Zeit sogar die Gelegenheit, dauerhaft Wochenendnachtschichten zu fahren, da gäbe es dann mit Sicherheit wieder mehr zu bloggen. Drückt mir die Däumchen!

Und eindeutig zum letzten Mal für dieses Jahr, dafür aber mal wieder von Herzen: Frohes neues Jahr euch allen!

PS: Schönen Gruß an den netten Herrn, der trotz später Stunde einer der angenehmsten Fahrgäste überhaupt war und mich bestens unterhalten hat, wenn wohl auch aus Angst, ich würde wie schon der vorige Taxifahrer am Steuer einschlafen. Als wir ein paar wild gestikulierende Aggro-Kids, von denen einer gerade auf einen Mülleimer eintrat, in Vaihingen passierten, meinte er schmunzelnd: „Oh, ich glaube, wenn Sie hier zurückfahren, kriegen sie ein paar neue Fahrgäste…“ – „Aber ob ich die haben will?“ – „Tja, das weiß man vorher nie so genau…“ – ich bin dann anders zurückgefahren. 😉

PPS: Ein paar Tipps fürs nächste Silvester: Nicht mit den Massen am Taxiplatz in der Stadtmitte warten, denn die freien Taxis werden vorher abgefangen. Lieber ein paar Schritte nach außerhalb gehen, dann die Straßenseite wechseln und einfahrende Taxis mit leuchtender Dachfackel anhalten (Taxis, die die Innenstadt verlassen, sind besetzt!). Hierfür rechtzeitig auf sich aufmerksam machen, kleine Handzeichen, die man gerade noch so aus dem Augenwinkel ausmachen kann, sind semi-optimal. Nicht vor die Motorhaube laufen, um den Taxifahrer zum Anhalten zu zwingen. Das funktioniert nicht immer!